Verfasst von Jutta Ingala am 21.11.2014

Von der Sehnsucht nach dem Meer

Heimlich träume ich vom Leben am Meer. Dem Meer, das je nach Laune ein wechselndes Kleid überstreift: mal grau, mal grün, mal blau. Das selten spiegelglatt, viel häufiger aufbrausend ist. Das sich immer wieder schmollend zurückzieht, nur um später den Strand erneut zu umschmeicheln.

Ich bin in Nordfriesland unterwegs, dem Landstrich, der auf der Halbinsel Eiderstedt beginnt und an der dänischen Grenze endet. Hier ticken die Uhren anders. Oder vielleicht sind es einfach die Menschen, die ganz unabhängig von der Tageszeit ein freundliches „Moin Moin!“ auf den Lippen tragen. Eine ansteckende Freundlichkeit. Eine, die grundehrlich ist.

Wattbewohner

Auch das Meer hat hier seinen eigenen Charakter. Ebbe und Flut bestimmen den Rhythmus. Wenn das Wasser geht, bleibt eine Wunderwelt zurück: das Watt. Mit Jörn von der Schutzstation Wattenmeer und einer kleinen Schar Naturliebhaber gehe ich auf Wanderung vor Westerhever.

Der Schlick quatscht unter unseren Stiefeln, wir beäugen Priele und immer wieder bückt sich einer, um dann triumphierend ein Fundstück hochzuhalten: geriffelte Herzmuscheln, eine Wattschnecke mit kegelförmigem Haus. Strandkrabben mag allerdings niemand anfassen. Nur unser Wattführer packt ein großes Exemplar geschickt am Panzer und hält es uns unter die Nasen. Wir sehen die kleinen Sandhäufchen, die Wattwürmer bei ihren Buddeleien zutage fördern, und erfahren, dass sie zu den Small Five des Watts gehören. Natürlich gibt es auch die Big Five mit Schweinswal, Kegelrobbe und Seehund. Auf ein paar niedliche Seehunde hatte ich gehofft, aber sie leben draußen auf den Sandbänken und heute fährt leider kein Kutter zu ihnen hinaus. Vielleicht mache ich später einen Abstecher zur Seehundstation Friedrichskoog. „Rechtzeitig Kapitän Bernd Diedrichsen anrufen“, rät Jörn und steckt mir die Nordsee-Ferienkarte zu, auf der ich alle nützlichen Adressen für einen Kurzurlaub in der Region finde. Allein ins Watt hinauszustiefeln ist übrigens keine gute Idee. Erst gestern musste die Seenotrettung ausrücken, um zwei sorglose Entdecker aus den Fluten zu befreien.

Deichkinder

Am nächsten Tag bin ich allein unterwegs, jedoch auf sicherem Terrain. Nach einem königlichen Frühstück im Deichkind mit Blick auf die Seebrücke von St. Peter-Ording will ich die „größte Sandkiste der Welt“ erkunden: zwölf Kilometer lang, zwei Kilometer breit. Stattliche Maße für einen Strand. Ich stehe auf dem Deich. Vor mir Salzwiesen. Paradies und Speckkammer für Zugvögel auf ihrem langen Weg ins Winterquartier. Auf Plattformen sind Fernrohre angebracht. Einige Vogelfreunde spähen hindurch.

Den Weg zum Meer markiert die 1.059 Meter lange, schön geschwungene Brücke, die über die Salzwiesen und breite Priele führt und abrupt am Strand endet. Hier tummeln sich Spaziergänger, kleine und große Kinder lassen ihre Lenkdrachen steigen und pfeilschnelle Strandsegler nutzen den glatten festen Sand für eine Regatta.

Mein Strandspaziergang gleicht am Ende einer ausgedehnten Wanderung, bei der ich manchen Priel durchwate und Ausschau nach hübschen Souvenirs halte. Die kleinen Herzmuscheln wandern in meine Tasche, auch ein, zwei zerbrechliche Schwertmuscheln. Die ist hier übrigens ebenso wenig heimisch wie ich. 1976 segelte sie als blinder Passagier von Amerika herüber und blieb. Vielleicht tue ich es ihr irgendwann einmal gleich, werde einfach sesshaft in diesem schönen Landstrich.

An Bord

Die Arche Noah, einer der spektakulären Pfahlbauten, stillt meine Sehnsucht zumindest kurz. Ich gehe an Bord, nehme in einem Strandkorb Platz und bestelle mir eine dicke Waffel mit viel Süßkram obendrauf. Das Meer ist ruhig. Wellen laufen sachte aus, lecken an den Füßen der Strandläufer, um sich dann eilig wieder zurückzuziehen. Ganz so, als seien sie zu schüchtern für einen längeren Flirt. Im weiten Strand zeichnen Rinnsale schöne Muster, Rippel erinnern an den Takt der Gezeiten, im Spiegel großer Pfützen verschmelzen Himmel und Erde und aus einem Spaziergänger werden zwei.

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