Verfasst von Clemens Sehi am 24.11.2014

Türkei – Von Arkadas, Ruinen und Schildkröten

Mir wird schlecht. Mit jedem Meter, den wir uns von Marmaris im Süden der Türkei entfernen und mit jeder Kurve, in die sich der kleine Bus hineinlegt, als wolle er sie umarmen, wird mir noch schummriger vor Augen. Die Serpentinen an der Türkischen Ägäis haben es in sich, haben sie gesagt. Und jetzt verstehe ich, was sie damit meinen.

Raus aus den Betonburgen, rein in die Natur – an der Ägäis soll das nicht schwer sein. Also ziehe ich los, im Kleinbus mit einer Handvoll anderer Neugieriger, um das Um- und Hinterland zu erkunden. Und mit Mehmet, unserem Fahrer, oder auch Arkadaş, wie er gern genannt wird, zu Deutsch sowas wie „Kumpel“.

Das Delta des Flusses Dalyan-Cayi in der Provinz Mugla ist von Marmaris nur wenige Kilometer entfernt. Dort steige ich, immer noch etwas wacklig auf den Beinen, in ein kleines Fischboot, eines jener Eierschalen, die wohl so einige Geschichten zu erzählen haben, von alten Männern und Meeren. Ein Boot, das schlichter nicht sein könnte, mit tiefen Kratzern im Lack und einem krächzend lauten Motor. (Tagestour ab Marmaris ab 45 Euro, buchbar in Hotels & Reisebüros vor Ort.)

Durchs Schilf zu den Ruinen

Dann geht’s los: durch meterhohes Schilf, vorbei an kleinen Patrouillenhäuschen und an Kindern, die mir eifrig zuwinken. Ich winke zurück, nicht weniger eifrig.

Weiter westlich, nur etwa 2 km nördlich des antiken Ortes Kaunos, taucht unser Ziel dann plötzlich aus dem Schilf auf: jahrhundertealte karische Felsengräber, prächtig, mächtig und irgendwie königlich. Wie haben die das damals, 500 bis 300 vor Christus, bloß mit den einfachsten Werkzeugen in den Fels gehauen, frage ich mich? Und während ich so über diese Meisterleistung sinniere, kommt mir unweigerlich die Indiana-Jones-Melodie in den Sinn.

„Kann man da hochklettern?“, frage ich Mehmet, unseren ausgesprochen jungen Bootsführer. „Klettern?“, entgegnet er mir mit einem spitzbübischen Grinsen, „klar kann man da hochklettern, nachts ist hier alles erlaubt“, ergänzt er schelmisch und lässt unser Gefährt haarscharf am Schilf vorbeigleiten, so dass ich mit der Hand darüber fahren kann.

Vom Grünen ins Blaue

Dabei hat die richtige „Blaue Reise“, für welche der südwestliche Teil der Türkei bekannt ist, noch gar nicht begonnen (z.B. ab Marmaris oder Icmeler; buchbar in Hotels und Reisebüros vor Ort; 5 Stunden für ca. 100 Euro, 7 Tage Blaue Reise ab 500 Euro).

Eine halbe Stunde und einen türkischen Mokka im Selam (Menderes cad. No.11, Icmeler) später, steige ich im pittoresken Hafenstädtchen Icmeler, nur 8 Kilometer von Marmaris entfernt, mit einem großen Ausfallschritt hinauf auf eine prächtige Segelyacht und mache es mir auf dem Deck gemütlich. Dieses ist von der Mittagssonne bereits angenehm aufgeheizt.

30 Minuten später ist vom Remmidemmi der Küste nichts mehr zu merken. Ja, ich kann geradezu spüren, wie mein Puls mit jedem Meter sinkt, den wir aufs Meer hinaus gleiten. Der Duft frisch gebratener Doraden umwindet meine Nase, während mich die warmen Sonnenstrahlen im Handumdrehen in eine angenehme Wohligkeit lullen.

Auf zum Schildkrötenstrand

Ich kann nicht lang geschlummert haben, als mich der Bootsmann auf seemännisch schroffe Art aus meinen Träumen reißt. Eine Mahlzeit später geht es mit dem Fischerboot wieder ab ins Schilf und in Richtung Iztuzu. So heißt ein vier Kilometer langer Traumstrand bei Dalyan, der seit 1989 Naturschutzgebiet ist und nicht den Menschen, sondern den Caretta-Caretta-Schildkröten gehört – zumindest ab der Dämmerung, wenn die Touristen wieder von dannen gezogen sind. Ganz schön schlaue kleine Racker, denke ich mir.

Zum Glück wird mir auf dem Weg zurück ins Hotel nicht mehr schlecht. So langsam habe ich mich wohl an das Leben und das Lebensgefühl hier gewöhnt, mit all seinen Flusswindungen und Serpentinen. Während die Sonne fast etwas übertheatralisch im Meer versinkt, stelle ich mir vor, wie die tapsigen Schildkröten gerade zu Hunderten den Strand hinaufklettern. So ein wenig Bewegung könnte mir jetzt auch nicht schaden, denke ich und beuge mich zu Mehmet vor: „Hey Arkadaş, Lust noch eine Runde zu klettern?“

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