Verfasst von Nicole Biarnés am 20.08.2015

Tschechien: Von Mähren nach Böhmen

Genau hier, wo ich jetzt stehe, schickte Napoleon vor über zweihundert Jahren seine Truppen in die Schlacht bei Austerlitz. Von den strategischen Finessen des kleinen Franzosen hatte ich natürlich schon gehört, aber ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass Austerlitz in Tschechien liegt!

Austerlitz

Auf dem Weg von Rousinov nach Brno kommen wir an einem kleinen Hügel vorbei. Vom Straßenrand aus sehe ich zwei Bäume einsam auf einer kleinen Erhebung zwischen den grünen Feldern stehen. Zunächst denke ich nur, wie nett das aussieht, und will mir das näher ansehen. Stanislav, ein tschechischer Freund, der mich auf meiner Fahrt über die mährischen Dörfer begleitet, erklärt mir, was das da eigentlich ist: ein Gedenkstein, der an die große Schlacht des kleinen Napoleon erinnert. Das Dorf vor uns ist nämlich Slavkov, auf Deutsch heißt es Austerlitz!

Hier hat also die Schlacht von Austerlitz stattgefunden, bei einem kleinen Dorf, nur wenige Kilometer von Brno entfernt. Wir steigen aus und betrachten das Denkmal mit seinen Inschriften. Aber mehr gibt es an diesem historischen Ort auch nicht zu sehen. Nur der weite Blick über die Felder und Täler.

Brno

Brno ist nach Prag eine der größten Städte in Tschechien. Zuerst suchen wir die Touristeninformation in der Altstadt, um uns einen Stadtplan zu besorgen. Das Zentrum ist ziemlich klein, aber sehr niedlich. Das Fremdenverkehrsbüro ist schnell gefunden. Lustigerweise hängt dort ein ausgestopftes Krokodil unter der Decke. In den ausliegenden Prospekten erfahre ich auch gleich warum: Dieses Krokodil ist tatsächlich ein legendärer Drache. Der „Drache von Brünn“ soll vor ein paar Hundert Jahren die Einwohner der Stadt in Furcht und Schrecken versetzt haben, bis ein tapferer Metzger das Tier mit einem Trick erlegte. Angeblich soll er ungelöschten Kalk in einer Kuhhaut versteckt haben, die der gefräßige Drache sogleich verschlang. Der Kalk ist dem Drachen natürlich gar nicht gut bekommen und der Metzger konnte das Monster erschlagen.

Stanislav und ich überlegen, ob wir uns lieber eine der Kirchen oder Mies van der Rohes Villa Tugendhat ansehen wollen. Die Besichtigungstour der Villa, die der berühmte Architekt als Wohnhaus für das Ehepaar Tugendhat entworfen hat, soll allerdings 13 Euro kosten. Das ist uns ein wenig zu teuer. Wir entscheiden uns für einen Besuch des Burgbergs. Das ist billiger und wesentlich einfacher zu erreichen. Es ist nur ein kurzer zehnminütiger Fußweg bis zur Burg.

Am Fuße der Špilberk-Festung liegt ein kleiner Park, der sich bis vor die Mauern der Burg oben erstreckt. Direkt vor mir machen zwei Eichhörnchen einen Wettlauf und huschen flink einen Baum hinauf.

Spielberg – Špilberk

Die Burg heißt Špilberk, spricht sich wie der Name des berühmten amerikanischen Regisseurs, wird in Tschechien eben nur anders geschrieben. In den Kasematten der Burg war früher ein Gefängnis untergebracht. Heute befindet sich dort ein Museum, das wir uns ansehen wollen. Der Eintritt kostet umgerechnet nur ungefähr 3 Euro.

Die Kasematten bestehen aus einem ringförmig angelegten Gang mit verschiedenen Zellen. Es ist dunkel und kalt hier unten. In den einzelnen Zellen sind Szenen aus dem Gefängnisalltag mit Puppen nachgestellt. So kann ich mir besser vorstellen, wie es früher ausgesehen hat und wofür die einzelnen Räume benutzt wurden. Das war nicht sehr gemütlich hier. Rund zwanzig Gefangene mussten sich eine Zelle teilen und auf einer Art Holzpritsche schlafen. In einer der Zellen steht eine Streckbank und ein „Gefangener” hängt unter der Decke. Das muss die Folterkammer gewesen sein. Gruselig ist es nicht hier unten, nur kalt und ungemütlich. Der Rundgang ist dafür sehr spannend, aber ich bin doch froh, als wir wieder ans Licht kommen und die Sonne mich wärmt.

Ausflug nach Prag

Am nächsten Tag fahren Stanislav und ich mit der Bahn von Brno nach Prag. Das Zugticket kostet nur rund 5 Euro und wir sind sofort mitten im Zentrum der Hauptstadt. Den Hradschin, das ist der Berg, auf dem die Prager Burg steht, kenne ich schon von meinem letzten Besuch. Heute will ich nur gemütlich durch die Altstadt bummeln. Aber vorher will Stanislav mir noch etwas zeigen, das „Lucerna“, eines der ältesten Kinos Tschechiens, und eine Shopping-Galerie, wenn auch eine, die wohl schon bessere Zeiten gesehen hat. Ganz hinten in dieser Galerie hängt eine Reiterstatue unter der hohen Decke. Aber das Pferd hängt mit dem Kopf nach unten und streckt die Füße in die Luft! Stanislav erklärt mir, dass das eine Parodie der Reiterstatue nur ein paar Hundert Meter weiter, auf dem Wenzelsplatz, sei. Ich muss lachen, weil es irgendwie doch sehr lustig aussieht.

Dann machen wir uns auf den Weg, über die Karlsbrücke, zu einer Straße namens Nerudova. Diskret verteilen sich hier die Andenkenläden, die handgeschnitzte Marionetten, den kleinen Maulwurf Krteček oder böhmisches Glas verkaufen, auf die schönen, historischen Gebäude.

Kuchen und geschnittenes Bier

Plötzlich riecht es himmlisch lecker nach Zimt! „Trdelnik“, klärt mich Stanislav auf. Natürlich muss ich mir so einen gegrillten Kuchen für 70 Cent kaufen. Er sieht zwar wie eine Mischung aus Stockbrot und Döner aus, ist aber ein leckerer, süßer Kuchen. Als ich begeistert frage, ob ich so ein Trdelnik auch in Brno finde, schüttelt Stanislav den Kopf. Diese köstlichen Teilchen sind nämlich eigentlich slowakisch. In Mähren bekommt ihr sie daher nicht.

Am Abend gehen wir dann richtig essen. Im U Kroka koste ich auf Stanislavs Empfehlung hin ein Bier, das ich so noch nie zuvor probiert habe: Řezané, ein „geschnittenes” Bier, eine Mischung aus dunklem und hellem Bier. Es gibt auch eine Himbeerbrause im Marmeladenglas, alkoholfrei, dafür aber mit Minze und frischen Himbeeren. Stanislav bestellt gebratene Ente mit Rotkohl, eine traditionelle Spezialität. Die böhmische Küche hebe ich mir für den Nachtisch auf. Auf der Karte habe ich nämlich eine süße Spezialität entdeckt, längliche Knödel mit süßer Mohnmasse. Pro Kopf kostet uns das üppige Abendessen rund 11 Euro pro Person. In Prag ist leider alles etwa dreimal teurer als im Rest des Landes.

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