Verfasst von Jutta Ingala am 4.11.2014

Texel, die Insel zwischen Watt und Woolness

In 20 Minuten bringt mich die Teso-Fähre vom Festland auf die Insel. Mein Fahrrad habe ich schnell im Frachtraum festgezurrt. Das Deck lockt. Dort werfen Passagiere Brotkrumen über Bord, um die sich kreischende Möwen zanken. Ein ohrenbetäubendes Spektakel. Die Möwen segeln hart am Wind. Doch sobald die Futterquelle versiegt, drehen sie ab.

Ich bin auf dem Weg vom niederländischen Den Helder nach Texel, der größten der Westfriesischen Inseln. Knapp 24 Kilometer lang und 9,5 Kilometer breit, 15 Meter an der höchsten Erhebung. Im Osten liegt das Watt, im Westen das offene Meer.

Gegen den Wind

Auf Texel haben Bauernhäuser ein pyramidenförmiges Dach. Kurios, weil aber der Wind aus allen Richtungen weht, findet er so nur wenig Angriffsfläche. An mir scheint er jedoch einen Narren gefressen zu haben und pustet mir unaufhörlich ins Gesicht. Ich muss mich mächtig ins Zeug legen, strample vorbei an tief in die Landschaft geduckte Häuser und an Weiden, die nur durch schmale Kanäle voneinander getrennt sind. Das Wasser hält die ganzjährig im Freien lebenden Schafe im Zaum.

Ganze 14.000 gibt es davon auf der Insel. Eines pro Einwohner. Ich will auf Tuchfühlung gehen, laufe durch das hohe Gras zur nächsten Weide. Mutterschafe und Lämmer, dunkelbraune, weiße, zottelige Gesellen auf dürren Beinen beäugen mich und blöken wie wild. „Sie sind hungrig“, lacht eine Stimme hinter mir. Jeroen ist Schafzüchter und Herr dieser Meute. Er streut Futter in Holzrinnen und erklärt mir nebenbei, dass die weißen echte Texelaars, die braunen jedoch Zugezogene sind. Schafe werden hier des Fleisches wegen gehalten. Die Texelaars bringen mehr auf die Rippen, die braunen sind hübscher anzuschauen. Ende Juni beginnt die Schur. Die Wolle wird ebenfalls verkauft, zu Garn versponnen oder verfilzt. „Wir müssen kreativ bleiben.“

Inselbewohner

In Den Hoorn gönne ich mir eine Pause bei Koffie verkeerd (Milchkaffee) und einem Pannekoek met appelmoes (süßer Pfannkuchen mit Apfelmus) im Klif23 und kaufe für die Weiterfahrt auch gleich Stroopwafels, Kekswaffeln mit Karamellsirup. Erhältlich übrigens in jeder holländischen Bäckerei. Den Hoorn ist alt und voller Geschichte. Inschriften an Häusern erinnern an Walfänger, über dem Dorf thront eine schlichte Kirche, zu der schmale Pfade aus Muscheln führen.

Es wird Zeit, wieder aufzusatteln. Über Polder, Land, das der See abgerungen wurde, und vorbei an niedrigen Wällen, auf denen der Mohn blüht. Knotenpunkte im Radwegenetz machen die Orientierung auf Texel leicht. Über den Muyweg steuere ich auf das gleichnamige Naturreservat zu: De Muy ist Heimat für Wasservögel und sogar Büffel. Mein Rad ist hier unpraktisch. Aber zu Fuß ist es jetzt ohnehin schöner. Der feine, weiße Sand, Salzgras und Strandnelken und die salzige Luft deuten auf die Nähe zum Meer. In Tümpeln staken Reiher auf der Suche nach Essbarem. In ihrer Nähe verstummt das schöne Froschkonzert schnell.

Man solle Abstand halten, die Herden nicht durchkreuzen, warnen Hinweisschilder. Doch die Büffel, die knietief im Wasser stehen, wirken gutmütig und kauen ungerührt vor sich hin. „Bist du zum ersten Mal hier?“, spricht mich eine junge Frau an. Typisch Holland: Man ist gleich per du und gleich im Gespräch. Marijke outet sich als waschechte Inselbewohnerin und großer Fan ihrer eigenen Heimat.

Land’s End

Eine letzte Etappe mit dem Rad bringt mich an die Spitze der Insel und endlich ans Meer: Cocksdorp setzt seiner exponierten Lage noch einen Leuchtturm obenauf. Die Zeit – und meine Energie – reichen nur für einen kurzen Spaziergang am Strand, der so weiß und so sauber ist, dass ich bleiben möchte. Robben bekomme ich leider nicht zu Gesicht. Morgen vielleicht. Jetzt beziehe ich erst einmal mein Zimmer im schickenHotel und belohne mich im Spa: mit einem Bad in Schafswolle, die mich ruckzuck wärmt und meinen Kreislauf wieder auf Touren bringt. Woolness heißt das hier. Der Schafzüchter hatte recht: Man muss kreativ bleiben.

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