Verfasst von Susi Maier am 28.11.2014

Szene-Kiez mit düsterer Vergangenheit: Erkundungen im Londoner East End

Genau hier in der Osborn Street passiert es: Emma Smith wird auf grausame Art ermordet. Wir schreiben das Jahr 1888 – das Jahr, in dem alles begann: Der mysteriöse und berüchtigte „Jack the Ripper“ treibt hier im Londoner East End in der Gegend um Whitechapel und Spitalfields sein Unwesen und erschüttert das spätviktorianische London mit einer Serie furchtbarer Gräueltaten. Nur wenige Minuten zu Fuß von der Liverpool Street mit seinem Bankenviertel und den gläsernen Hochhaustürmen entfernt findet man sie noch: die alten gepflasterten Gassen und Straßenzüge des East End von einst.

Auf den Spuren von Jack the Ripper in Spitalfields

Damals von schummrigen Gaslaternen erleuchtet und geprägt von Armut und Verbrechen, ist das East End um den Spitalfields Market und die Brick Lane heute eines der In-Viertel von London mit jeder Menge kleiner und ausgefallener Shops, Bars und Restaurants, dem man abseits des klassischen Sightseeings unbedingt mal einen Besuch abstatten sollte – ob man nun wie ich auf eigene Faust auf den Spuren von Jack the Ripper durch die Gassen streift oder mit einer „Jack the Ripper“-Tour (die man für weniger als 15 Euro z.B. über London Walks buchen kann) oder einfach zum Shoppen, Essen, Trinken und Schauen herkommt.

Von der Liverpool Street Station mache ich mich auf und gehe durch die Gassen zwischen Artillery Lane und Middlesex Street in Richtung Christ Church mit ihrer weißen Fassade, die schon zu Jack the Rippers Zeiten das Straßenbild bestimmte. Hier an der Ecke Commercial und Fournier Street findet ihr den alten viktorianischen Pub „The Ten Bells“, in dem seinerzeit die Opfer von Jack the Ripper (und vermutlich er selbst) einkehrten – und Johnny Depp in der Verfilmung „From Hell“. Auch die angrenzenden Straßenzüge lassen mich in die Zeit von damals eintauchen.

Shopping und Stärkung mit Retro-Flair

Im Old Spitalfields Market direkt um die Ecke stöbere ich in der Markthalle aus viktorianischer Zeit zwischen Ständen mit ausgefallener Mode und Accessoires – von Kitsch über Vintage und Second Hand bis zu Klamotten und Accessoires von kleinen lokalen Designern zu günstigen Preisen. Beim Anblick der leckeren Essensstände bekomme ich Hunger, doch ich habe etwas anderes im Sinn: Fish and Chips! Mindestens einmal muss man sie bei einer Reise nach England schon essen, finde ich. Zum Glück gibt es hier direkt um die Ecke bei „Poppies“ in der Hanbury Street seit Jahrzehnten welche der Besten: Im Retro-Ambiente eines 50er-Jahre-Diners gibt es für unter 15 Euro Fish and Chips, wie sie sein sollen: knusprige Panade, große Chips-Schnitze mit Essig zum Drüberträufeln und grünen „Mushy Peas“ (Erbsenmus).

Gestärkt und zufrieden schlendere ich anschließend die Hanbury Street hindurch zur Brick Lane, einer der Lebensadern dieses East End Kiezes, das einmal Hugenottenviertel, ärmlich-düstere Jack the Ripper-Gegend und jüdisches Viertel war, später aufgrund der vielen Einwanderer aus Bangladesh zu „Banglatown“ wurde und bis heute zum hippen, gentrifizierten Szenekiez der jungen Kreativen aufstieg. All diese Einflüsse sind immer noch sichtbar, und das macht die Gegend für mich besonders spannend.

Brick Lane: hippe Szene-Meile mit Multikulti, Märkten und Streetart

Im unteren Teil der Brick Lane dominiert eine exotische Mischung bengalischer Läden und Curry Restaurants (von denen die meisten jedoch nur noch Touristenfallen sind. Wenn ihr ein gutes Curry-Restaurant ausprobieren wollt, dann geht ins „Dishoom“ oder ins „Tayyabs“, die beide ebenfalls im East End sind und die ich auf Empfehlung von Locals entdeckt habe).

Weiter oben auf der Brick Lane Richtung Shoreditch High Street gibt es viele hippe kleine Läden und Cafés zu entdecken, wie etwa das „Vintage Emporium and Tea Rooms“ in einer kleinen Seitenstraße, der Bacon Street. Im Erdgeschoss ein gemütliches Café mit Tee und selbstgebackenem Kuchen, im Untergeschoss ein Vintage-Laden mit ausgefallenen, liebevoll präsentierten Stücken vom 19. Jahrhundert bis zu den 1980er Jahren. Interessant sind die kleinen Seitenstraßen der Brick Lane auch wegen ihrer Streetart – hier solltet ihr unbedingt die Augen offenhalten!

Manchmal handelt es sich nur um ein kleines Bild auf einer kunstvollen Fliese, die irgendwo in halber Augenhöhe an die Wand montiert wurde, manchmal um einen Papierschnitt, und bei den „Murals“ (Wandgemälden) diente gleich eine ganze Hauswand als Leinwand. Im gesamten Londoner East End verewigten sich Streetart- und Graffiti-Künstler aus der ganzen Welt wie Banksy oder der Portugiese ROA mit seinem Kranich und Igel in der Nähe der Brick Lane oder der Künstler Alexis Diaz aus Puerto Rico mit seinem neuesten Werk „The Cage“ in der Bacon Street. Besonders gut könnt ihr diese etwas andere Kunst auf einer der empfehlenswerten Streetart-Touren entdecken, die es z.B. über Street Art London oder Alternative London für ca.15-20 Euro pro Person zu buchen gibt.

Etwa auf halber Höhe der Brick Lane stoße ich auf das Backstein-Gelände der alten Truman Brauerei. Hier solltet ihr unbedingt einmal durchschlendern: Im Innenhof und in den Gebäuden findet ihr interessante Läden und Essensstände, außerdem wechselnde Märkte für Vintage-Klamotten und Kunsthandwerk, Events, Biergarten, Bars und vieles mehr – vor allem gegen Abend und am Wochenende.

Am oberen Ende der Brick Lane angekommen halte ich mich links Richtung Shoreditch High Street. Mein Ziel fürs Abendessen heißt „Pizza East“, ein Restaurant mit toller Location in einem alten Tee-Lagerhaus (am besten online vorher reservieren!). In dem stylish-industriellen Ambiente gibt es leckere, günstige Holzofenpizza und eine umwerfende Salted Caramel Chocolate Tart, von der ich immer noch träume. Anschließend könnt ihr um die Ecke im netten Pub „The Owl and Pussycat“ direkt noch ein Bier oder einen Cider trinken oder ein paar Meter weiter im „Brewdog“ verschiedene lokale Craft-Biere probieren.

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