Verfasst von Timo Peters am 12.06.2015

Norwegen: Abendspaziergang in Bergen

Es ist schon fünf Uhr nachmittags, trotzdem starte ich noch einen längeren Abendspaziergang hier in Bergen, der Hafenstadt an den Fjorden Norwegens. Jetzt im Sommer sind die Abende lang, vor zehn Uhr abends wird es hier nicht dämmern. Ich habe also noch genügend Zeit und schlendere am Hafen los.

Mein Ausflug beginnt mit einer Reise in die Vergangenheit: Ich spaziere an einem historischen Segelschiff vorbei: Die „Statsraad Lehmkuhl“ ist ein wunderschöner, weißer Dreimaster, der um die Jahrhundertwende zunächst unter deutscher Flagge fuhr. Heute gehört er fast zum Stadtbild von Bergen, auch wenn er noch immer regelmäßig zu Ausflugsfahrten durch die umliegende Fjorde ausläuft. Im Hintergrund legt gerade ein riesiges Kreuzfahrtschiff ab – was für ein Kontrast zu dem Segelschiff mit seinen schlanken Linien!

Eine Reise in die Hansezeit

Der Kreuzfahrtkapitän verabschiedet sich von Bergen, indem er mehrmals das ohrenbetäubend laute Schiffshorn betätigt, und auch ich gehe jetzt weiter. Nur einige Meter entfernt und noch immer in Sichtweite der „Statsraad Lehmkuhl“ befinde ich mich plötzlich in einer mittelalterlichen Szenerie: Ich spaziere durch die windschiefen Holzhäuser von „Bryggen“, dem ehemaligen Hanseviertel Bergens. Vor einigen hundert Jahren wickelten hier deutsche Kaufmänner aus Lübeck ihre Geschäfte mit Fisch und Pelzen ab. Heute gehört das Viertel zum Weltkulturerbe und es befinden sich Kunstgalerien, Bars und Cafés in den bunten Häuschen.

Als ich am Café „Sjøboden“ verbeikomme, steht mir der Sinn nach einem Kaffee, jedoch schreckt mich der Preis von umgerechnet sechs Euro für einen Tasse erst einmal ab. Doch Norwegen ist nun einmal ein teures Land, und das Café hat seine Tische und Stühle herausgestellt. Also gebe ich mir einen Ruck, gönne mir den Kaffee und genieße für ein Weilchen den Blick auf das Treiben im Hafen. Anschließend streife ich ein wenig durch die schmalen Gassen zwischen den alten Kontorhäusern und mache Fotos. Ich fühle mich wie in einem Freilichtmuseum, und die Tatsache, dass der Eintritt frei ist, entschädigt mich ein wenig für meinen teuren Kaffeebesuch.

Fast Food auf Norwegisch

Weiter geht es entlang der Hafenpromenade in Richtung Talstation der „Fløibanen“. Die Seilbahn führt hinauf zur Aussichtsplattform auf dem Fløyen, dem Hausberg Bergens. Auf dem Weg dorthin mache ich noch kurz Halt im Imbiss „Anne Madam“. Norwegische Freunde haben mir berichtet, dass es hier die beste und günstigste Fischsuppe der Stadt gibt. Ich kaufe mir für 39 norwegische Kronen (etwa 4,50 Euro) einen Becher zum Mitnehmen – Fast Food auf norwegisch! Ich löffle ihn beim Warten auf meine Gondel der Fløibanen leer: Die Suppe schmeckt in der Tat köstlich! Übrigens haben mich dieselben Freunde vor dem Fischmarkt gewarnt, der hier um gleich um die Ecke täglich stattfindet: der sei völlig überteuert und eine reine Touristenfalle – Norweger würden sich hier nie ihren Fisch kaufen!

Die Fahrt mit der Seilbahn kostet umgerechnet etwa 9,50 Euro (hin und zurück) und dauert eine knappe Viertelstunde. Schon während des Weges hinauf bieten sich die ganze Zeit tolle Ausblicke auf die Innenstadt Bergens. Oben angekommen kann ich dann von der Aussichtsplattform die ganze phänomenale Aussicht genießen: Die weißen Häuser der Stadt mit ihren roten Dächern schmiegen sich zwischen die Küstenlinien der Fjorde und die anderen Berge und Hügel, die die Stadt umgeben. Am Horizont erkenne ich in der Nordsee eine Menge kleinerer und größerer Inseln, hinter denen gerade ganz langsam die Sonne untergeht.

Weißwein und ein endloser Sonnenuntergang

Direkt an dem Aussichtspunkt befindet sich neben einem Kiosk und Souveniershop das „Fløyen Folkerestaurant“. Zwar bin ich noch satt von der Fischsuppe, aber ein Gläschen Weißwein ist genau das, was ich jetzt vertragen kann. Auf die Aussicht muss ich dabei nicht verzichten: Ich nehme auf der Terrasse des Restaurants Platz und wundere mich, wie lange der Sonnenuntergang hier oben im Norden Europas im Sommer dauert: Bis die Sonne endgültig hinter dem Horizont verschwindet, ist es fast elf Uhr und mein Weinglas schon lange leer.

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