Verfasst von Maike Grunwald am 21.05.2015

Nordseeinsel Juist: Strandurlaub im Zauberland

Wenn mir der Großstadtlärm zu viel wird und mich die Nordsee ruft, dann flüchte ich ins Zauberland. „Töwerland“ heißt das auf Plattdeutsch. So nennen die Juister ihre 17 Kilometer lange und nur 600 Meter breite Insel.

Taxis mit 2 PS

Die schönste Sandbank der Welt, so ihr Kosename, liegt acht Kilometer vom Festland und ist komplett autofrei – abgesehen von zwei PKW, die den beiden Ärzten der längsten ostfriesischen Insel gehören. Taxifirmen, Speditionen, Supermarktlieferanten, sogar die Müllabfuhr: Alle arbeiten mit Pferdewagen. Und so höre ich nichts als Nordseerauschen und romantisches Hufgeklapper, solange ich hier bin – was für eine Wohltat! Nur selten ist leise auch das Miniflugzeug zu hören, das zwei Mal täglich die ostfriesischen Inseln anfliegt. Sonst stört die Idylle nichts.

Meine Sorgen habe ich an Land gelassen. Vom IC-Bahnhof „Norddeich Mole“, wo für Autofahrer auch Parkhäuser bereit stehen, bin ich direkt an Bord der Fähre gegangen – logischerweise eine autofreie. Die Überfahrt verbringe mit einem Kaffee (2,50 Euro) auf dem Panoramadeck. Bei jedem Wetter, zu schön sind die Brise und der Blick. Kleine Bäumchen, die aus dem Wattenmeer herausragen, kennzeichnen die Fahrrinne; eins haben Wattwanderer bei Ebbe aus Jux mit Schmuck behängt. Da die Fähre nur bei Flut verkehren kann, gibt es maximal zwei Verbindungen am Tag. Wer nach Juist will, muss Zeit mitbringen.

Endlose Nordseestrände

Die Stunde Fahrt reicht, um den Alltag hinter mir zu lassen. Dann liegt es vor mir: das Zauberland. In der Mitte der Dorfkern mit dem Hafen, links „die Bill“, das westliche Ende, rechts das östliche Ende mit dem kleinen Flughafen. Dahinter, auf der Nordseite der Insel, erstrecken sich unsichtbar die unfassbar weiten Nordsee-Sandstrände.

Dort laufe ich zuerst hin. An den bunten Strandkörben vorbei renne ich zum Meeressaum, was bei Ebbe eine ganze Strecke sein kann, so breit ist der Strand. Kleine Sanderlinge flitzen in Grüppchen zwischen dem Meeresschaum entlang. In der Brandung werden Algen wie durch einen Mixer aufgeschäumt. Über mir kreisen Silber- und Lachmöwen auf der ewigen Suche nach Futter.

Wenige Menschen, aber Massen von Vögeln

Wenn jetzt Sommer wäre, würde ich ins Meer hüpfen. Aber Juist ist das ganze Jahr über einen Besuch wert, und jede Jahreszeit hat ihren Reiz. Im Frühling und Herbst habe ich die Insel fast für mich alleine, bis auf die Schwärme von Ringelgänsen und anderen Zugvögeln, die dann das Wattenmeer und die Salzwiesen bevölkern. Ihre langen Routen zwischen den Überwinterungsländern im Süden und den Brutgebieten im Norden können von Südafrika bis in die Arktis reichen. Etwa 12 Millionen Vögel kommen jedes Jahr hierher, um zu rasten, zu brüten oder ihr Gefieder zu wechseln. Nicht umsonst ist das Wattenmeer Nationalpark und UNESCO-Weltnaturerbe. Für Naturfans wie mich ein Traum.

Die Natur im Gleichgewicht

Für Hunde herrscht überall Leinenpflicht und auch zweibeinige Urlauber sind angehalten, nicht abseits der Wege durch die empfindlichen Dünen oder geschützten Strandbereiche laufen, nicht die Vögel auffliegen zu lassen, die ihre Kraft für den langen Flug benötigen. Der Lohn ist eine paradiesische Tier- und Pflanzenwelt. Mit Glück sehen Spaziergänge Robben oder Seehundbabys am Strand. Auch hier heißt es: Weitläufig Abstand halten, damit sie nicht flüchten. Ihre Mütter sind nur beim Fischen, sie kümmern sich schon. Ein Highlight für Groß und Klein sind Bootsausflüge zu den Seehundbänken oder zur Juister Vogelinsel Memmert.

Das Schwimmen hebe ich mich für später auf: Im Meerwasser-Erlebnisbad „Töwer Vital“ ist das Wasser immer 30 Grad warm (Öffnungszeiten je nach Saison, Eintritt: tägl. 1,5 Stunden im Kurbeitrag inklusive, d.h. frei bei Vorlage der TöwerCard). Auch die frisch modernisierte Sauna (Tageskarte: 20 Euro) lockt mit fantastischem Nordsee-Blick, sowohl vom Außenbereich hoch oben auf dem Ruhedeck als auch von der großen finnischen Sauna selbst (Do. 12-17 Uhr Damensauna).

Selbstgebackenes Rosinenbrot

Mein Ziel ist jetzt die Domäne Bill. Die bunt eingerichtete Gastwirtschaft am Westende der Insel (Mittwochs Ruhetag) ist bekannt für die entspannte Atmosphäre bei Selbstbedienung, Meerblick und guter Hausmannskost, allem voran der legendäre selbst gebackene „Rosinenstuten“ (Rosinenbrot) mit Butter (2,40 Euro). Es gibt Urlaubsgäste, die wandern dafür jeden Tag eineinhalb Stunden vom Dorfkern den Strand entlang zur Bill und wieder zurück. Ein lohnenswerter Spaziergang, aber ich habe Hunger und fahre deshalb mit dem Rad. Theoretisch dauert das nur 20 Minuten, praktisch aber länger, weil ich ständig zum Fotografieren anhalte.

Leihräder gibt es an jeder Ecke (8 Euro/Tag). Ich radele die Billstraße am Wattenmeer und den Salzwiesen entlang, wo im Frühling die Graugänse ihre Küken spazieren führen. Unterwegs fotografiere ich eine Rohrweihe bei der Jagd, Austernfischer mit ihren knallroten Lippenstiftschnäbeln und prächtige Fasanenhähne. Am Ziel genehmige ich mir zum Rosinenstuten eine „Tote Tante“ („Lumumba“, heiße Schokolade mit Rum, 4,20 Euro).

Otto-Leege-Pfad

Den Rest des Nachmittags verdöse ich im Strandkorb. Dann erkunde ich den Otto-Leege-Pfad. Der liebevoll neu angelegte Kunst- und Naturlehrpfad führt barrierefrei durch die herrliche Juister Dünenlandschaft, die sonst aus Naturschutzgründen nicht zugänglich ist. Meine Highlights sind das Boden-Bild der Zugvogelrouten, die Tafeln zur Blumenwelt der Dünen, die Windharfe und die Wasserklangschale zum Selbstmusizieren. Sehenswert ist auch die Ausstellung im Nationalpark-Haus im Dorfkern, das außerdem öffentliche Entdeckertouren durch die Juister Natur für Groß und Klein anbietet.

Nordseesteinbutt mit Krabben

Seeluft macht hungrig, und so denke ich bald wieder ans Essen. Morgen werde ich in frischen Waffeln schwelgen, wenn ich im historischen „Lütje Teehus“ („Kleinen Teehaus“) im Januspark meinen Ostfriesentee (4,60 Euro) zu mir nehme – standesgemäß auf dem Stövchen serviert mit Wölkchensahne und Kluntje (Kandiszucker). Freunde herzhafter Kost schwärmen von der Ostfriesischen Nordseekrabbensuppe (5,20) oder dem Juister Pannfisch (16,20 Euro). Heute gönne ich mir ein Abendessen im Gourmet-Restaurant „Rüdiger’s“ im traditionsreichen Hotel Pabst, bekannt nicht nur für seinen Nordseesteinbutt mit Krabben (Platte für 2 Personen, 8,90 Euro pro 100 Gramm). Dann noch einen Cocktail (7, 50 Euro) mit Sonnenuntergangsmeerblick in der Schirmbar.

Bevor ich ins Bett sinke, öffne ich das Fenster – auf die Gefahr hin, dass mich der Fasan bei Sonnenaufgang mit seinem Balzruf weckt. Ich will mich vom Meeresrauschen in den Schlaf wiegen lassen und auf morgen einstimmen: Dann mache ich eine Wattwanderung mit Heino, dem „Wattflüsterer“ (je nach Tour ab 10 Euro, Kinder ab 5 Euro). Er ist auf der Insel geboren und seit Jahrzehnte Wattführer, wie sein Vater vor ihm. Keiner kennt das Wattenmeer wie er.
Und dann? Dann werde ich nichts tun. Nur den Wellen lauschen.

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