Verfasst von Robert Fishman am 25.04.2015

Nizza: Die Schöne und das Meer

Nizza wandelt sich: Der betongraue Busbahnhof ist schon lange einem Park mit Wasserspielen gewichen. Die einst chronisch verstopfte Hauptstraße Avenue Jean-Médecin wurde zur Fußgänger- und Shopping-Meile. Zwischen Hafen und Innenstadt wächst ein neues Künstler- und Ausgehviertel heran und die berühmte Uferstraße Promenade des Anglais hat zwei ihrer Fahrspuren an Flaneure, Radfahrer, Jogger und Skater abgetreten. Entdecken lässt sich Nizza, La Bella – die Schöne, am besten zu Fuß oder mit der spacig-silbernen Tram. Die nehme ich.

Silberne Ufos gleiten durch die Stadt

Was haben sie damals geschimpft, die Nizzaer: „Lärm, Dreck, Baustellen. Wozu brauchen wir denn eine Straßenbahn?“ Inzwischen lieben sie ihre silbergrauen „Ufos“, die in einem Bogen durch die Stadt gleiten. Vom Hafen im Osten zum Flughafen im Westen baut die Stadt inzwischen eine zweite Linie. Vor dem Bahnhof sieht Nizza noch so aus wie einst: kleine Lokale, einfache Hotels, einige schon etwas heruntergekommen, arabische Imbissbuden.

Mit der Bahn fahre ich zur Place du Général de Gaulle im Viertel Libération, wo die Einheimischen vormittags gerne auf dem Markt einkaufen. Am Kiosk von Tintin hole ich mir erst mal ein Pan Bagnat (wörtlich: „nasses Brot“, ein Sandwich mit Olivenöl, Tomatensoße, Thunfisch, Ei und Salat für rund 3,50 Euro). Angekommen im Süden.

Libération – das Viertel der Nizzaer gleich hinter dem Bahnhof

Den bald 150 Jahre alten Südbahnhof am Westrand des Platzes hat die Stadt zu einer modernen Biblio- und Mediathek umgebaut. Weil ich etwas verloren in der Halle herumstehe, fragt mich die junge Rezeptionistin, wie sie mir helfen kann. Ja, der Eintritt sei frei. Internet kostenlos.
An der restaurierten Fassade mischen sich Elemente des Klassizismus, der Belle Epoque und des Jugendstil. Ich genieße die Ruhe zwischen typischen Fassaden aus dem 19. Jahrhundert: mit Stuck-Ornamenten verzierte vier- und fünfstöckige Wohnhäuser, viele davon aus den rohen Bruchsteinen der nahen Alpen gemauert. Die Balkone tragen schwarze, schmiedeeiserne Geländer. Ein kurzer Spaziergang führt mich vom Südbahnhof zur Kirche Jeanne d‘Arc: Der blütenweiße, kahle Beton-Kuppelbau aus den 50er Jahren erinnert mich an Werke von Gropius und andere Architekten der Nachkriegszeit. Drinnen ist es leer und still. Die Sonne scheint durch die bunten Fenster – ein reizvoller Kontrast zu den weißen Wänden.

Für einen Euro kaufe ich einen Fahrschein zurück in die Stadt (das Ticket gilt, bis man aussteigt). Kaum stehe ich an der Haltestelle, kommt die nächste Bahn. Die fahren hier alle zwei, drei Minuten. Ein Stehplatz am Fenster reicht als Aussichtsplatz auf die meisten Sehenswürdigkeiten: Die Fußgängerzone Avenue Jean-Médecin mit ihren schicken Geschäften, die Place Masséna: ein weitläufiger, schwarz-weiß gepflasterter, arkadengesäumter Platz zwischen pastellfarben gestrichenen italienischen Palazzi. Auf den Bänken genießen die Leute die ersten warmen Sonnenstrahlen. Bahnfahren ist nett, zu Fuß gehen reizt mich jetzt mehr.

Park im Flussbett

Im Bett des unter die Erde verlegten Flüsschen Paillon gedeiht ein Park mit Wasserspielen. Kinder toben begeistert zwischen den Fontänen, die mal hier, mal da aus dem Boden schießen. Am Ende des Grünstreifens thront das Museum MAMAC. Das Musée d‘Art Moderne et d‘Art Contemporain zeigt in wechselnden Ausstellungen moderne Kunst. Na ja, wer’s mag. Ich fahre mit dem Aufzug ganz nach oben und freue mich auf den Blick über die Dächer von Nizza – und eines der nettesten Restaurants der Gegend: Das Lou Balico (22, ave Saint Jean Baptiste, Probiermenü mit 5 kleinen Gängen quer durchs Rezeptbuch für 35 Euro) trägt das Label „Cuisine Nissarde“ (Nizzaer Küche), ein Gütesiegel für einheimische Leckereien wie die feine „Merda de Cane“ („Hundesch….“), eine Art Gnocchi mit Mangoldsoße. „Wir haben die Rezepte meiner Schwiegermutter unverändert übernommen“, versichert Inhaberin Sara Issautier. Sie zeigt ihren Gästen einen anderthalb Meter langen Stockfisch. Daraus bereitet ihre Küche ein feines Ragout.

Ans Meer

Nach dem Essen packt mich die Sehnsucht nach dem nahen Meer. Zehn Minuten sind es zu Fuß durch den Park Albert 1er zum Wasser. An der Ufer-Promenade des Anglais, benannt nach den reichen Engländern, die hier im 19. Jahrhundert die milden Winter genossen, rauschen die Skater und Radfahrer über den fernstraßenbreiten Bürgersteig: Platz genug für Sportler und Flaneure. Ältere Damen halten ihre mit reichlich Schminke restaurierten Gesichter der Sonne entgegen. Ihre Schoßhündchen hopsen am Strand und begutachten das türkisblaue Wasser: Zum Reinspringen ist es noch ein bisschen frisch. Auf den Kieselsteinen breiten Familien und junge Leute Picknickdecken aus. Mittagessen unter dem weiten Himmel, dessen Blau mit dem Türkis des Meeres um die Wette leuchtet.

Greeter zeigen ihre Stadt

„Nizza ist nicht so teuer“, sagte mir Hugues mit einem Augenzwinkern. Der junge Hotelier führt in seiner Freizeit als ehrenamtlicher „Greeter“ Besucher abseits der Touristenpfade durch „seine“ Stadt. „Wenn du Geld sparen willst, holst du dir in der Altstadt ein oder zwei schöne Stücke Käse im Lou Fromai (25, rue de la Préfecture), eine gute Flasche Wein im Geschäft gegenüber und eine Pissaladière (eine einfache Pizza aus Hefeteig überbacken mit frischen Zwiebeln und Oliven) in der Rôtisserie du Palais (14, rue de la Préfecture). Damit setzt du dich an den Strand“ – oder auf einen der vielen Stühle, die jemand freundlicherweise kostenlos an der Promenade aufgestellt hat. Gute Idee.

So gestärkt zeigt mir der 37Jährige die neuen Hotspots des Nachtlebens. In der Rue Bonaparte zwischen Place Garibaldi und dem Hafen eröffnen laufend neue Kneipen, Bars und Restaurants. Designer haben Schaufenster mit ihren Kreationen dekoriert. Zu feiern gibt es immer etwas: eine Vernissage, den Start eines neuen Ladens, die Kunst oder das Leben selbst.

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