Verfasst von Cornelia Lohs am 21.08.2015

Kanada: Der Mikrokosmos Montreals

„Der Jean-Talon Markt ist ein Paradies für Leckermäuler! Dort findet ihr die exotischsten Früchte, Gemüsearten und Gewürze, die ihr euch nur vorstellen könnt. Der Markt reflektiert die gesamte ethnische Vielfalt unserer Stadt. Er ist unser Mikrokosmos“, sagt der Angestellte im Fahrradverleih, als wir ihn fragen, wohin wir an diesem Morgen zuerst radeln sollen. „Wenn ihr Glück habt, mischen sich Mitglieder des Opernhauses ganz unauffällig unter die Marktbesucher und singen das Trinklied aus „La Traviata“. Man weiß auf dem Markt nie, wer einem begegnet oder was einen erwartet“, sagt er lachend. Er gibt uns einen Plan mit der Fahrradroute zum Markt. Mit einem Radwegnetz von über 530 Kilometern ist Montreal die fahrradfreundlichste Stadt des nordamerikanischen Kontinents. Geübte City-Biker sind wir ohnehin und nach Little Italy ist es vom Radverleih gar nicht so weit. Das Rad kostet 22 Kanadische Dollar (etwa 15 Euro) für den halben Tag.

Als wir am Markt ankommen, staunen wir über die Größe. Mit über 20.000 Quadratmetern umfasst er einen gesamten Straßenblock. An sieben Tagen der Woche verkaufen mehr als einhundert Bauern und Importeure aus der Region lokale Produkte sowie unzählige exotische Leckereien. Rings um die großen Marktstände sind Bäckereien, kleine Cafés, Delikatessenläden, Chocolatiers, Weinhandlungen und Restaurants angesiedelt.

1.000 Käsesorten, Quiches und buntes Treiben

Die berühmte Fromagerie Hamel, bester Käsehändler Montreals, ist mit einer Filiale vertreten. Über 1.000 Käsesorten aus Kanada und Europa stehen zur Auswahl. Der Kunde darf so viele Sorten probieren, wie er möchte, bevor er sich zum Kauf entschließt. Der größte Laden auf dem Markt gehört dem Meisterbäcker Première Moisson. Quiches, Kuchen und reich verzierte Torten sind wie kostbare Kunstwerke hinter dem Glas der Theke ausgestellt. Wir kaufen Käse und Baguette für unser Picknick.

In den Gängen herrscht buntes Treiben. Hausfrauen, Rentner und Köche von Gourmet-Restaurants sind mit großen Körben unterwegs. Manche Schlangen vor den Ständen sind so lang, dass es unmöglich ist, einen Blick auf die Waren zu werfen.

„Ist hier immer so viel los?“, frage ich die Marktfrau an einem Honigstand. Sie lacht und antwortet: „Was heißt viel los? Wir Montrealer kaufen unser Gemüse gern täglich frisch.“ Sie zeigt auf einen hochgewachsenen Mann am Käsestand gegenüber und sagt: „Dieser Monsieur ist Küchenchef eines bekannten Restaurants. Er kommt täglich und kauft Käse und Fisch. Ihr findet hier jede Menge Gourmet-Köche.“ Aber heute leider keine Opernsänger, denke ich.

Zu viel des Guten – die Qual der Wahl

An den Ständen werden kleine Körbchen mit schwarzen Kirschen und einem Mix aus den größten Beeren, die ich je gesehen habe, angeboten. Daneben Papayas, Curubas, Guaven, Palmherzen, Kochbananen und Lotus, Produkte aus dem kanadischen Klassiker Ahornsirup, Trüffelpralinen, Schokoladespezialitäten und andere Leckereien in einer Farbenpracht ohnegleichen. Überall stehen Schälchen und Teller mit kleingeschnittenen Früchten, damit Marktbesucher vor dem Kauf probieren können. Viele der exotischen Sachen wie Curubas, Cherimoyas oder Chayoten kennen wir nicht und müssen nachfragen, wozu sie verwendet und wie sie gegessen werden.

Bei so viel Auswahl können wir uns nur schwer entscheiden, wovon wir zuerst probieren sollen. Die gemischten Beeren sind so lecker, dass wir gleich zwei Körbchen davon nehmen. Von den Maple-Sugar-Candys, die geradezu auf der Zunge zergehen, kaufen wir mehrere Packungen – schließlich ist der Tag lang!

Tacos und Sauerkraut to go

„Bei El Rey del Taco bekommt ihr die köstlichsten Tacos der gesamten Provinz Quebec“, hat uns der Typ im Fahrradverleih erzählt. Eine große Portion kostet 8 Dollar. Ich frage den Taco-Verkäufer, ob es davon auch die vegetarische Variante gibt. „Klar, wir erfüllen alle Wünsche“, antwortet er und drückt uns wenige Minuten später die lecker aussehenden Tacos auf einem Pappteller in die Hände, so dass wir sie im Gehen essen können.
„Sauerkraut, oh my God!“, höre ich jemanden hinter uns rufen, als wir am osteuropäischen Delikatessenladen Balkani vorbeigehen. Zwei ältere Amerikaner lassen es sich reichlich in zwei Plastikschälchen füllen. Nur wenige Meter weiter werde ich beim Anblick von mit Avocadostückchen gefülltenMaki-Sushi schwach – trotz der gerade erst eben verzehrten Tacos.

Gewürze aus aller Herren Länder und das beste Eis der Stadt

Der Laden Olive & Epices ist für uns als Fans exotischer Gewürze ein Muss. Neben diversen Olivenölen finden sich hier zahlreiche Gewürze aus Lateinamerika, der Karibik, allen Teilen Asiens und Afrika sowie aus dem Mittelmeerraum. Wir kaufen Chili-Pulver aus Mexiko und verschiedene Gewürze aus Indien.

Bevor wir den Markt nach über zwei Stunden verlassen, schauen wir bei „Le Havre aux Glaces“ vorbei. Dort soll es das beste Eis Montreals geben. Ich entscheide mich für Blaubeereis, und es ist tatsächlich eines der besten, das ich je gegessen habe.

Wir gehen zu unseren Fahrrädern zurück und verstauen die Einkäufe in den Fahrradkörben. Es ist Mittag, Zeit für unser Picknick. Wir radeln in einen nahe gelegenen Park, wo es Bänke und Tische gibt. Die meisten sind schon besetzt, denn die Montrealer verbringen ihre Zeit im Sommer fast ausschließlich draußen. Das verwundert nicht, denn die Winter sind lang und eisig, und sobald es warm wird, hält es niemanden im Haus. Unter einem Baum finden wir einen freien Tisch und packen unsere Leckereien aus. Viel Hunger haben wir nach den ganzen Naschereien auf dem Markt eigentlich nicht mehr.

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