Verfasst von Markus Steiner am 13.01.2015

Istanbul: Eine Stadt wie Sinatra

Blau wie die Augen von Frank Sinatra hängt der Wolkenvorhang an diesem Novembermorgen über Istanbul. „Wenn Istanbul eine Person wäre, dann Frank Sinatra: eleganter Stil, markante Stimme, mit romantischem Swing“, sagt Ali, der als Künstler in Istanbul lebt und mir heute seine Heimat zeigt. Über der Hagia Sophia kreisen die Möwen und lassen sich treiben. Die warmen Töne der Muezine rieseln von den Minaretten auf die Stadt hinunter; sie rufen zum Güneş, dem Morgengebet. Und wie immer strömen sogleich Tausende aus ihren Häusern in die vielen Moscheen.

Auf dem Buch-Basar stöbern

Zeit, den Vorhang zu heben und den Sahaflar Carsisi zu bestaunen, den alten Buch-Basar in Sultanahmet. Es ist das historische Istanbul, dem man hier begegnet. Der Büchermarkt ist uralt. Es gibt ihn seit dem 15. Jahrhundert und er versteckt sich in einem hübschen Innenhof, dem riesige Bäume Schatten spenden. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk besucht den Markt regelmäßig und stöbert nach seltenen Büchern. Gleich vor dem Ausgang steht unter dem Torbogen ein grauhaariger Mann, der Salep aus seinem goldenen, dampfenden Samowar verkauft. Der heiße Milch-Zimt-Brei ist genau die richtige Stärkung, um zu einem der schönsten Aussichtspunkte aufzusteigen und von oben auf das Treiben Istanbuls, den Bosporus und das gebogene Goldene Horn zu blicken: dem Garten der Süleymaniye-Moschee.

Mittags am Goldenen Horn sitzen

Vorbei am alten Postgebäude und dem Gewürzmarkt ist es nicht weit, bis ich in der Mitte der mintgrünen Galata-Brücke stehe und von Europa aus nach Asien herüberblicke. Ich sehe auf der anderen Seite den Stadtteil Koyökö, wo die Fischer stolz mit ihren Fangschätzen angeben. Und weil es Zeit ist für eine Mittagspause, sitze ich direkt am Ufer des Goldenen Horns, schaue auf schaukelnde Boote und genieße vor einem der vielen Fischstände einen frischen Fisch-Döner mit Koriander.

Gleich gegenüber vom Fischmarkt versteckt sich eines der geschichtlichen und kulturellen Wunder auf dem Dach eines unscheinbaren grauen Gebäudes: Die Aya Panteleymon (Hoca Tashin Sk. No: 19), eine kleine russisch-orthodoxe Kirche. Ich steige steile Stufen aus Holz hinauf zur grünen Kuppel, die von der Straße aus kaum zu sehen ist, als der Duft von Weihrauch und warmen Kerzen hinunterströmt: eine georgische Hochzeit über den Dächern Istanbuls.

Durch Cihangir schlendern

Vom Ufer des Bosporus aus zieht es mich weiter, die Hügel von Cihangir hinauf. Die Gassen sind eng, die Menschen offen. Cihangir, ehemals vor allem von Griechen bewohnt, ist das neue Trendviertel. Schriftsteller und Künstler sitzen in trendigen Cafés, nebenan hocken alte Männer in noch älteren Teehäusern. Es ist einfach, sich zwischen den eleganten Häusern im Otomanenstil zu verlieren, in denen heute Antiquitätenläden ausstellen. Samstags gehören die Gassen den Flohmarktverkäufern. Greifbar wird in Cihangir die reizvolle wechselhafte Geschichte der Stadt – wird die Melodie von Tradition und Moderne – in dem alten Kaffeehaus Firuzağa Mah (Defterdarlık Yokuşu No: 53), auf dessen Dach sich eine Moschee befindet.

In einer Seitenstraße kommen wir am Firuz Aga Hamam (Çukurcuma Cad. No: 6) vorbei und ich vereinbare in dem alten Badehaus einen Termin für den späteren Abend. Wer die Hügel Istanbuls meistert, hat sich Erholung verdient. Nicht weit vom Hamam ist das Museum der Unschuld von Nobelpreisträger Pamuk zu finden. Wir schlendern weiter durch die endlosen Gassen von Cihangir und bestellen einen Cay im Journey Café (Akarsu Cad. No:21/a), einem der angesagten Cafés im Viertel. Was kann es für einen Reisenden Schöneres geben, als die riesige Weltkarte an der Wand anzustaunen und von der nächsten Reise zu träumen?

Am Bosporus versinkt die Sonne

Weil sich die Sonne am Ende dieses Novembertages doch noch zeigt, steige ich auf die Fähre nach Üsküdar, um durch das bezaubernde alte Künstlerviertel Kuzguncuk zu streunen und von der asiatischen Seite aus der Sonne hinterherzublicken, bis die zitternden Lichter in Europa erwachen. Zwei Kontinente, drei Brücken, unendlich viel Zauber. Was Ali sagt, stimmt: Istanbul macht alles auf seine ganz eigene Art.

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