Verfasst von Claudia Ottilie am 18.06.2015

Irland, wo sich kaum ein Ire hintraut

Skeptisch guckt mich mein irischer Bekannter an, als ich verkünde, nach Nordwestirland reisen zu wollen. „Kein Ire wagt es, nördlicher in der Republik zu reisen als bis Galway“, dahinter sei „Feindesland“ bzw. der britische Teil der Insel. Aber nicht ganz Nordirland gehört der Queen. Die Grafschaften Sligo und Donegal sind ganz und gar katholisch und aufgrund ihrer Abgeschiedenheit nur von wenigen Touristen besucht. Wir haben längst die berühmten Cliffs of Moher hinter uns gelassen und düsen die Küstenstraße entlang, vorbei an grünen Wiesen hinter Steinmauern und unter Regenbögen hindurch.

Steinzeitgräber in Sligo

In der Grafschaft Sligo lassen wir uns zu einem Stopp an einer Ansammlung von Steinen hinreißen. Für 3 Euro Eintritt schlendern wir mit einem wegweisenden Kartenplan durch die 6.000 Jahre alte Megalithanlage von Carrowmore. Wir verbringen einige Zeit zwischen den vielen Hinkelsteinen, Steinkreisen und Dolmen, lassen uns immer mal wieder von den Schafen und Pferden auf der benachbarten Koppel ablenken. Wir sind begeistert von der Archäologie zum Anfassen auf Irlands größtem Jungsteinzeitfriedhof, auf dem die Elfenkönigin Maeve selbst ruhen soll.

Surfer-Snack mit Strandblick

Nach Carrowmore erreichen wir die Beach von Strandhill, wo wir zusehen, wie sich tapfere Jungs auf Surfbrettern den kalten Wellen des Atlantiks entgegenwerfen. Wir bleiben lieber in den Dünen und surfen mit den Augen die Küste ab. Seeluft macht hungrig und Strandhill ist gerüstet. Das The Strand ist eine Lokalgröße bei Surfern wie Touristen. Ihr könnt nichts falsch machen, außer zur falschen Zeit auftauchen, dann ist der Laden proppenvoll und ihr müsst euer Guinness im Stehen trinken. Wir haben Glück und erwischen eine Nische im dunklen Pub und gönnen uns gegrillten Ziegenkäse auf Salat und einen Hühnchenfilet-Burger für zusammen 19 Euro.

Weiter geht’s: Unser Tagesziel ist der kleine Ort Dunfanaghy in der Grafschaft Donegal. Er soll uns als Ausgangspunkt für eine Tour zu den vorgelagerten Inseln dienen. Der B&B-Besitzer erzählt uns eine rührende Geschichte von einem alten Mann, den er einst auf einer der Inseln traf und mit einer Flasche Wasser vor dem Verdursten rettete. Wir buchen eine Tour zur Insel Inishbofin – die Überfahrt kostet 10 Euro.

Spaziergang auf der weißen Kuh

Nach zwei Muffins und Cappuccino für 12 Euro im Muck’n’Muffins nehmen wir also am kommenden Tag in Magheroarty ein Boot zur Insel Inishbofin. Die Insel ist vom Tourismus völlig unberührt. Vom Boot aus sehen wir die wenigen Häuser. Im Hafen treffen wir genau einen Bewohner, der eigentlich auch nur im Sommer vorbeikommt. Derzeit leben auf Inishbofin nur sieben Männer, erzählt der Nordire. Die Familien seien an Land, weil die Kinder in die Schule müssten. Er selbst macht hier Ferien in aller Abgeschiedenheit. Die teilweise verfallenen Häuser wirken wie in einer Geisterstadt. Die Insel ist baumlos, der Ausblick auf das umgebende Meer dennoch wunderschön. An der Westküste arbeiten wir uns über einen grobkieseligen Strandstreifen zum sandigen Teil nach vorn. Dramatischer Himmel über uns, die Insel Tory Island in der Ferne hinter den kräuselnden Wellen. Nur der Wind pfeift sein Liedchen, während wir die Einsamkeit genießen.

Auf dem Rückweg zum Hafen sehen wir sie schließlich: die Bofin von Inishbofin. Eine Legende besagt, dass die Insel eine versteinerte weiße Kuh, auf Gälisch Bo Finne ist. Die Kuh war für die Insulaner ein Zeichen von Wohlstand, bis eine Hexe sie zu Stein erstarren ließ. Wer den Stein entfernt, zieht den Stöpsel und die Insel geht unter. Wir gehen also ganz vorsichtig an dem weißen Felsbrocken vorbei und lassen uns nach diesem ausgiebigen Spaziergang wieder zum Festland schippern.

Hohe Klippen und gediegene Strände

Den Nachmittag verbringen wir mit einer Rundfahrt im Auto zum höchsten Aussichtspunkt der Gegend. Vom 200 Meter hohen Horn Head, der Hausklippe Dunfanaghys, schauen wir auf den Ozean unter uns und wagen ein echtes Abenteuer, als wir auf der einspurigen Straße um die Klippe herumtuckern. Umso schöner der Ausblick durch orange leuchtende Montbretien auf die Strände der Nachbarschaft und ihre ansehnliche Bebauung, wie die Strandvillen von Portnablagh.

Für einen Pub-Abend haben wir die Straße vom B&B aus heute mal nicht nach rechts, sondern nach links genommen. Wir kommen in Falcarragh an und ordern ein Guinness (3,50 Euro) in der Gweedore Bar. Live-Musik ist heute nicht, dafür treffen sich die Frauen der Stadt zum abendlichen Kaffeeklatsch, ihre Männer schauen im Hinterzimmer Fußball. Wir lassen uns typisches Pub Food servieren (Bangers & Mash und eine Steak Pie für zusammen 20 Euro) und genießen die Atmosphäre eines völlig unaufgeregten Pubs.

Glenveagh Castle

Am nächsten Tag besuchen wir das Glenveagh Castle im gleichnamigen Nationalpark, der auch zur Grafschaft Donegal gehört. Im Café des Schlosses nehmen wir einen süßen Mittagssnack, wenigstens einmal müssen wir in Irland Carrot Cake (5 Euro) essen. Im Anschluss verlaufen wir uns ganz absichtlich in den Themengärten und dem zugehörigen kleinen Wäldchen des Anwesens. Gewächse aus aller Welt und heimische Blumen hat jemand in ordentlichen Reihen und Mustern angepflanzt. Es gibt einiges zu entdecken, wie die Musiker, die im Pavillon des viktorianischen Gartens ein kleines Konzert geben. Auf einer ruhigeren Parkbank am See des Schlosses sehen wir noch einen Falken vorüberziehen, bevor auch wir weiterziehen.

 

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