Verfasst von Inna Hemme am 3.02.2015

Formentera: Mit der Fähre von der Partyinsel zum Urlaubsparadies

Das ist sie also: die Fähre in die Vergangenheit. Ich stehe am Hafen von Ibiza, es ist kurz vor sieben Uhr morgens und ich fühle mich wie ein Streber. Um diese Uhrzeit kommt man auf der Insel normalerweise wieder zurück ins Hotel.

„Wenn du wissen möchtest, wie Ibiza vor vierzig Jahren aussah, fahr einen Tag nach Formentera. Da findest du noch richtige Hippies – und ein perfektes Urlaubsparadies“. Der Tipp eines Hotelangestellten hat meine Neugier geweckt und mich früh morgens aus dem Bett geholt. 35 Minuten mit der schnellen, 45 Minuten mit der normalen Fähre liegen zwischen den beiden Inseln – ziemlich knapp für eine Zeitreise. Ab sieben Uhr morgens fährt sie jede halbe Stunde, für ca. 50 Euro Hin- und Rückfahrt (die Tickets kann man auch in der Fähre kaufen). Ich nehme die schnelle, sie ist oben offen. So kann ich beim Ablegen noch ein Bild von Ibiza-Stadt machen.

Der schönste Strand Europas

Ibizas kleine Schwester ist nur 83 Quadratkilometer groß, die längste Straße der Insel – vom Hafenort La Savina bis zum Leuchtturm La Mola – misst nicht einmal 20 Kilometer. Es gibt keine Ampeln, dafür aber viele Kreisverkehre. Auf einem Roller (ca. 40 Euro am Tag) kann man Formenteras schönste Seiten an einem Tag abfahren. Am Hafen angekommen, laufen wir von Rollervermietung zur Rollervermietung. Ich will unbedingt eine weiße Vespa und die sind beliebt. Mein Freund rollt mit den Augen, doch bald rollen wir schon gemeinsam zum schönsten Strand Europas. Auf einer weißen Vespa.

Der Strand Playa de Ses Illetes gilt im Norden als einer der schönsten der Welt. Hier sieht es aus wie in der Karibik. Die für Europa außergewöhnliche Wasserfarbe hat einen Grund: die Neptungraswiesen im Wasser bilden rund um die Insel eine natürliche Kläranlage. Noch durchsichtiger wird das Wasser am Ende der kilometerlangen Landzunge. Dort heben wir die Taschen über unsere Köpfe und waten brusttief durchs Wasser – hinüber zur Robinson-Insel Espalmador. Hier würden wir am liebsten den ganzen Tag rumliegen.

Als die Sonne um zwölf aber anfängt zu knallen, rollen wir weiter zum Cap de Barbaria am Südzipfel mit seinem mittelalterlichen Leuchtturm. Die felsige Küste ist Teil eines Naturschutzgebietes. Hier nisten Seevögel und grasen wilde Ziegen. Ich klettere durch eine Hippiehöhle unter den Leuchtturm und springe an den schroffen Felsen wieder raus. Endlich Schatten! Und kalte Steine, statt heißer Sand.

Gegrillter Tintenfisch über der Bucht

Vom Cap de Barbaria sind es nur fünf Minuten Fahrt zur Cala Saona, einer Bucht, die inmitten von Pinienwäldern im Westen der Insel liegt – umrahmt von Felsen und Booten. Weil das Wasser in der Bucht so flach ist, ist sie besonders bei Familien mit Kindern beliebt, etwas weiter draußen, an den Steinen, kann man super schnorcheln. Wir wollen aber nur eins: Essen! Das „Restaurante Sol“ „hängt“ direkt über der Bucht und während man darauf wartet, dass der Tintenfisch gegrillt wird (15 Euro), kann man aufs Dach steigen und die Bucht von oben fotografieren. „Fahrt Ihr auch gleich nach El Pilar?“, fragt uns ein Mädchen am Nebentisch, dessen Ketten ich die ganze Zeit neidisch anstarre.

Wir haben Glück! Es ist Mittwoch und Hippiemarkt auf der La Mola Hochebene im Örtchen El Pilar im Südosten der Insel (immer mittwochs und sonntags ab 16 Uhr). Der soll nämlich genauso sein wie der Hippiemarkt auf Ibiza vor 40 Jahren. Dass die Sachen hier nicht „Made in Taiwan“ sind, ist schwer zu übersehen. Die Künstler produzieren – ob durch Weben, Gießen oder Hämmern – hinter der Theke alles sofort nach, was gerade verkauft wurde.

Ein älterer Mann spielt Gitarre, es riecht nach gebrannten Erdnüssen (ein ungewohnter Geruch im Sommer) Ich kaufe mir die Kette, die das Mädchen im Restaurant trug – sie ist aus Leder und mit einem blauen Stein („20 Euro, für dich 15, weil du auch so blaue Augen hast“). Meine Augen sind braun.

Drinks und Tapas am ältesten Inselkiosk

Den berühmtesten Sundowner der Insel gibt’s am Pirata Bus (der ältesten Strandbar Formenteras. An der Entstehung dieser Kiosko-Legende (Kiosko bedeutet hier Drinks und Tapas und nicht Zeitungen und Kippen wie bei uns) waren auch Deutsche beteiligt. Vor 40 Jahren traf der spanische Diskothekenbetreiber Pascual, Spitzname „Pirata“, in Aragon auf deutsche Hippies, die mit ihrem VW-Bus unterwegs nach Formentera waren. Pirata verkaufte seine Diskothek und kam mit. Den Bus stellten sie am oberen Ende der Platja Migjorn ab, demontierten die Sitze und machten daraus die Strandbar „Pirata Bus“.

Pink Floyd, Bob Dylan und Chris Rea hingen hier ab, bis sich 1983 die Behörden einschalteten und der Bus wegmusste. Heute steht an der gleichen Stelle eine Holzbude, die – wenn man diese Geschichte nicht kennt – wie jede beliebige Holzbude aussieht. Daneben weht eine Piratenfahne, auf den Klippen davor sitzen jeden Abend bis zu 100 Blumenkinder und starren gegen den Horizont. Von hier aus beobachtet man angeblich den schönsten Sonnenuntergang Formenteras. Wir holen uns am Pirata Bus noch schnell zwei Caipirinhas und eine Portion Nachos. 38 Euro. Bitte? Egal! Man zahlt ja auch für das Gefühl, hier gewesen zu sein. Die Sonne schafft es noch nicht einmal den Himmel endgültig rot zu färben, da müssen wir schon los. Um neun Uhr fährt die letzte Fähre zurück in die Zukunft.

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