Verfasst von Christoph Karrasch am 11.11.2014

Clearwater Beach: Das Venice Beach von Florida

Darryl Hopkins ist sich sicher: Es gibt diese Orte. Plätze auf der Welt, an denen wir Menschen bedingungslos glücklich sein können. Das klingt pathetisch, denke ich, bin aber offenbar trotzdem bereit, mich überzeugen zu lassen. Sonst hätte ich mich gerade wohl kaum auf den Beifahrersitz seines klapprigen Nissan gesetzt – keine zwei Stunden, nachdem er mir eine SMS geschrieben hatte: „Ich hole dich um 5 am Hotel ab. Bethereorbescared!“Und jetzt dreht Darryl das Radio auf und singt laut zu „Are You Lonesome Tonight?“, während wir Floridas Westküstenmetropole Tampa hinter uns lassen und bei heruntergekurbelten Fenstern der heißen Nachmittagssonne entgegenfahren. Schon bald kriecht uns frische, salzige Meeresluft in die Nase.

Kennengelernt habe ich den 48-jährigen Sunnyboy am Tag zuvor in Ybor City, Tampas Latin Quarter und einstiges Zentrum der amerikanischen Zigarrenproduktion. Kubaner, Spanier und Italiener haben dort in über 300 Fabriken Tabak gerollt und hübsche, hispanische Häuser mit gusseisernen Balkonen hinterlassen, die noch heute – lange nach dem Niedergang der Industrie – die Straßenzüge des gemütlichen Viertels säumen. Ich schlenderte durch das stadtgewordene Schachbrett, angeregt vom süßen Zigarrenaroma, das noch immer durch die bunten Häuschen weht, und setzte mich auf die kleine Café-Terrasse des „King Corona Cigars“ (1523 East 7th Avenue). Ein Cuban Sandwich später kam Darryl auf einem Segway vorbei: braungebrannt, smartes Gesicht, lässige Shorts. „Hey dude, wanna go for a ride? “Klar! (Segway-Touren durch Ybor City: 1600 East 8th Avenue)

Wir überholten die gelbe Straßenbahn, die Ybor City ratternd mit Downtown Tampa verbindet, surrten mit unseren kleinen Flitzern an kolonialen Klinkerbauten vorbei, aus denen es nach frisch gebrühtem Kaffee duftete, und probierten Kiwi- und Pfirsich-Smoothies in Jennas kleinem Shop an der 7th Avenue. Dabei erzählte Darryl: von der Gemütlichkeit in Ybor, von der Erfolgsgeschichte als Zigarrenhochburg und den Menschen, denen ein kurzer Plausch zwischendurch schon immer wichtiger war als jedes Business. Und er schwärmte von dem Ort seiner Bestimmung, an dem er schon bald weitere Segway-Touren anbieten werde – und den ich am nächsten Abend selbst zu Gesicht bekommen sollte.

40 Meilen feinster Sandstrand

Eine Dreiviertelstunde westlich von Tampa bekommt man eine Ahnung davon, wie es zu dem biblischen Sprichwort „Wer hat, dem wird gegeben“ gekommen ist. Mit Blick auf den tiefblauen Golf von Mexiko möchte man den klugen Kopf küssen, der diesen Landstrich, der laut Statistik sowieso schon über 360 Sonnentage im Jahr für sich verbuchen kann, auch noch mit einer über 40 Meilen langen, strahlend weißen Uferzeile aus Sand belohnt hat.

Und mittendrin, auf diesem scheinbar endlosen Highway aus Paradiesgedanken und Strandromantik, liegt er: der Ort mit dem wundervollen Namen Clearwater Beach. Darryl und ich fahren auf dem Memorial Causeway über den Hafen von Clearwater und ich ahne, was mich gleich erwarten wird. Die orangefarbene Sonne setzt allmählich zum Untergang an und versteckt sich bereits hinter den fransigen Frisuren der aufgereihten Uferpalmen. Wenn ich es nicht besser wüsste, könnte ich schwören, dass wir gerade in Venice Beach, dem berühmten Strand von Los Angeles, einfahren. Über den breiten Beach Walk flanieren entspannte Menschen in bunten Shorts und lässigen Muskelshirts, die Sonnenbrille als Accessoire ins Haar gesteckt.

In dem Promenaden-Shop „Surf Style“ kann man nicht nur bunte Bikinis und Badeshorts kaufen, sondern mit dem „Flowrider“, einem großen Glaskasten mit künstlicher Wellenanlage, sogar Indoor-surfen (315 South Gulf Boulevard). Jongleure und Feuerspucker buhlen um die Aufmerksamkeit der Urlauber. Daneben steht ein verblüffend echt aussehender Captain Jack Sparrow und zeigt aufgeregten Kindern, wie sie mit seinem Schwert Funken auf dem Asphalt erzeugen können. Und auf dem Pier, der dahinter weit ins Meer ragt, verkaufen Händler beim täglichen Abendfestival „Sunsetsat Pier 60“handgefertigte Kunstwerke.

Ein Strand für Traumtänzer

„Nenn mich einen Traumtänzer“, sagt Darryl. „Aber dieser Ort ist mein Paradies. Hier ist immer was los, hier kannst du shoppen, essen, Menschen treffen – und so geht es das ganze Jahr über.“ Langsam fange ich an, zu verstehen, was er meint. Seine gebräunte Haut, sein smartes Gesicht und seine lässigen Shorts gehören hierhin. Clearwater Beach ist Darryls Ort. Der Abend ist warm, die frische Meeresluft weht verspielt um leicht bekleidete Körper. Auf der Wiese vor der Promenade liegen Verliebte und schauen sich auf einer Leinwand kostenlose Kinofilme an. Zum Sonnenuntergang nehmen junge Frauen und Männer am Strand das letzte Bad des Tages, und das Segelboot, das sich im richtigen Moment vor den feuerroten Ball am Horizont schiebt, ist schon fast ein bisschen zu viel der Romantik. Aber eben nur fast.

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