Verfasst von Maike Grunwald am 23.07.2015

Bristol: Mit dem Wassertaxi durch die Hafenstadt

Wenn es eine Stadt in England gibt, die den Status „Geheimtipp“ wirklich verdient, dann ist das Bristol. Selbst ich als Großbritannien-Kennerin habe dieses Juwel nur zufällig entdeckt, weil meine Schwiegerfamilie in Wales lebt und der Flughafen Bristol für uns die beste Option ist, um mit einem günstigen Direktflug plus guter Zugverbindung dorthin zu gelangen. Dass die historische Industriestadt viel mehr ist als das Tor nach Wales, habe ich dann schnell entdeckt.

Hafenstadt der Studenten, Musiker und Künstler

Unter Briten gilt die lebendige Universitätsstadt als eine der schönsten und interessantesten Großstädte Englands. Die alte Hafenstadt, durch die Möwenrufe schallen, gehört zu den sonnigsten Städten Großbritanniens, wurde als besonders umweltfreundliche und grüne Metropole mit dem Titel „European Green Capital 2015“ ausgezeichnet, ist Hauptstadt der Musikszene der Gegenwart, Geburtsort des Trip Hop und Hochburg der Graffiti- und Animationsfilm-Kunst.

Obwohl besonders der historische Stadtkern im Zweiten Weltkrieg stark zerstört wurde, gibt es in jedem Viertel noch wunderschöne Bauwerke aus fast allen Architektur-Epochen, etwa Kirchen aus dem 12. Jh. oder Gebäude aus der Tudor-Zeit.

Geburtsort von Banksy und „Shaun das Schaf“

Schon ein zielloser Spaziergang lohnt sich. Bilder des weltberühmten Streetartkünstlers Banksy, geboren in Bristol, sind neben denen seiner „Jünger“ in der ganzen Stadt zu sehen. Auch den beliebten Knetfilmfiguren „Shaun das Schaf“ und „Wallace & Gromit“ begegnen wir oft. Sie stammen ebenfalls aus Bristol und sind eine Art Maskottchen der Stadt geworden.

Die Aardman-Studios, in denen die Animationsfilme entstehen, bieten zwar keine Touren für Touristen in ihren geheimen Hallen an, dafür aber eine interaktive Ausstellung im auch sonst sehenswerten Museum „Bristol Science Center“ (Sa-So 10-18 Uhr, Mo-Fr 10-17 Uhr, Eintritt für Erwachsene rund 14 Britische Pfund). Wer will, kann hier für einen Tag Animationsfilmer spielen – ein großer Spaß besonders für Kinder.

Mit dem Boot durch Bristol

Die beste Art, Bristol kennenzulernen und immer wieder zu genießen, ist eine Fahrt mit dem Wassertaxi „Bristol Ferry“ auf dem Fluss Avon. Los geht’s direkt an der Bahnstation Temple Meads. Dort starten auch Shuttle-Busse zum Flughafen und Züge nach Wales, weshalb wir dort in der Nähe meistens übernachten. Ich liebe das blumengeschmückte historische Bahnhofsgebäude, das mit seinen Türmchen an ein Schloss erinnert und besonders bei nächtlicher Beleuchtung ein schönes Fotomotiv ist.

Die Ferry-Station liegt nur fünf Gehminuten vom Bahnhof unten am Fluss. Tickets kaufen wir direkt auf dem Boot bei den freundlichen Schaffnern, die gerne alle möglichen Auskünfte zur Stadt geben. Wir nehmen meist eine Tageskarte (für Erwachsene rund 6 Britische Pfund, Familienticket etwa 20 Britische Pfund). Damit können wir nicht nur beliebig oft die gesamte Fahrt vom Bahnhof zum Stadtzentrum und zurück unternehmen, sondern auch an jeder Station aussteigen, umherlaufen und wieder einsteigen – wie ein „Hop-On-Hop-Off“-Sightseeing Bus, nur eben auf dem Wasser. Manchmal bleiben wir auch einfach sitzen und genießen die 40-minütige Rundfahrt.

Legendäre Schiffe und Brücken

Außerdem gilt das Ferry-Tagesticket auch für die zweite Wassertaxi-Rundtour (Umsteigestation: „City Center“, reine Fahrtzeit ebenfalls 40 Minuten). Damit gelangt ihr zum Beispiel zu dem legendären historischen Dampfschiff „Great Britain“, das heute als Museumsschiff an seinem Original-Baudock liegt. Es ist das erste Schiff aus Eisen mit Propellerantrieb, das jemals den Ozean überquerte – im Jahre 1845! Eine Besichtigung des liebevoll renovierten Prachtstücks lohnt sich (rund 14 Britische Pfund für Erwachsene).

Anschließend können wir je nach Laune mit dem Wassertaxi weiter bis zum Stadtviertel Hotwells schippern, früher ein Badeort mit heißen Quellen. Heute gehört es zum eleganten Bezirk Clifton Village mit seinen edlen Boutiquen, kleinen Cafés, schönen alten Häusern und der berühmten „Clifton Suspension Bridge“, Bristols Wahrzeichen. Die 412 lange Kettenbrücke, erbaut 1864, spannt sich auf spektakuläre Weise über die Schlucht des Avon-Flusses, der 75 Meter unter ihr fließt. Am 1. April 1979 war sie Schauplatz des ersten modernen Bungee-Sprungs.

Entspannen im Castle Park und Shopping mit Tradition

Oft nehmen wir aber nur ein einfaches Ticket für die fünfminütige Ferry-Fahrt vom Bahnhof Temple Meads zum nächsten Stop, Castle Park. Die idyllische Grünanlage, auf der moderne Skulpturen neben Überresten der alten Burg und einer Kirchenruine stehen und gut gelaunte Polizisten auf schönen Pferden nach dem Rechten sehen, gehört zu meinen Lieblingsorten zum Entspannen.

Ein Highlight ist der schwimmende Garten „Seeds of Change“, ein Öko-Kunst-Projekt von einer brasilianischen und einer deutschen Künstlerin.

Castle Park erstreckt sich vom Fluss mit seinem „Floating Harbour“, dem „schwimmenden Hafen“, bis zu den Vierteln des „Bristol Shopping Quarter“ mit Hunderten von Geschäften aller Art. Von hier schlendern wir zum traditionellen St Nicholas Market, den es seit 1743 gibt.

In den vielen originellen kleinen Lädchen finden wir tolle Geschenke und essen frisch zubereitete kleine Mittagesgerichte aus aller Welt oder Hausmannskost mit regionalen Zutaten vor der schönen Kulisse Georgianischer Bauten.

Berühmte Kirche mit legendärer Katze

Später spazieren wir weiter zur berühmten Pfarrkirche St Mary Redcliffe Church. Die Besichtigung der gotischen Kathedrale, einer der größten in England, ist frei, eine Spende jedoch erbeten. Freundliche Gemeindemitglieder erklären Besuchern gern die 800-jährige Geschichte und zeigen das Grab der legendären Kirchen-Katze „Tom The Church Cat“ (1912-1927), um die sich nette Anekdoten ranken.

Hervorragende indische Gerichte

Bevor wir dann überlegen, ob wir uns noch in Bristols Nachtleben mit seinen vielen verschiedenen Pubs, Livemusik-Kneipen und Clubs stürzen wollen, genießen wir richtig gutes indisches Essen, wie ihr es außerhalb von Indien nur in Großbritannien findet. Das viel gelobte Restaurant Raj Mahal City (Clarence Road 69) erreichen wir vom Hotel am Bahnhof Temple Meads in nur 10 Minuten Fußweg. Zugegeben, seine Lage zwischen Uferstraße und Wohnblocks ist nicht besonders ansprechend. Innen ist das geräumige Restaurant jedoch bequem ausgestattet und der Service zuvorkommend. Vor allem aber ist das Essen fantastisch und sogar verhältnismäßig günstig.

Köstlich sind zum Beispiel das Hühnchengericht „Chicken Dhanya“ in mittelscharfer Soße (7 Britische Pfund) oder das vegetarische Gemüsegericht „Vegetable Chat Masala“ (rund 5 Britische Pfund), wobei Reis in verschiedenen Variationen extra dazu bestellt wird (etwa 2 Britische Pfund für einfachen Reis, rund 3 Britische Pfund für Pilau-Reis mit Ei). Sonntags gibt es ab Mittag bis 23 Uhr ein All-you-can-eat-Buffet mit einer großen Auswahl von Gerichten für nur 11 Britische Pfund pro Person.

Nach einer solchen Schlemmerei fällt die Entscheidung oft leicht, das Eintauchen ins Nachtleben auf unseren nächsten Besuch zu verschieben. Denn seit wir Bristol zufällig entdeckt haben, verbringen wir auf dem Weg nach Wales immer einen Extra-Tag in dieser charmanten Stadt.

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