Suche nach Bernstein mit Zwischenstopp in der Milchbar

Wenn es in Danzig dunkel wird und die Laternen angehen, ist die berühmte Frauengasse (Ulica Mariacka) the Place to be. Nicht, weil sich hier die ganze Stadt oder gar die halbe Welt trifft. Dem ist nicht so. Ganz im Gegenteil: In der sonst so belebten Gasse kehrt dann urplötzlich Ruhe ein. Wo tagsüber der berühmte Bernstein in allen Variationen angepriesen wird, herrscht nachts einfach nur Stille.

Die Ostseestadt Danzig, auf Polnisch Gdansk, mit seinen knapp 500.000 Einwohnern gilt als die Hauptstadt des Bernsteins. Immerhin hatte die legendäre Bernsteinstraße hier ihren Startpunkt und verlief bis nach Rom. Bernstein ist nichts anderes als Harz, der vor zig Millionen Jahren ins Meer floss und heute in Form kleiner Teilchen an die Strände der Ostsee gespült wird. In der Frauengasse reiht sich ein Laden an den anderen – angepriesen wird tagsüber vor allem Schmuck aus dem gelblich-goldenen Material. Ich balanciere über die Pflastersteine, vorbei an den geschlossenen Bernsteinläden, und fühle mich zurück in ein fernes Jahrhundert versetzt. Bernstein hin oder her – jetzt zählt der Moment und der ist einzigartig: Ich habe die ganze Straße für mich allein!

Die Milchbar: eine polnische Institution

Das gilt nicht für die Milchbars (Bar Mleczny). Hier ist es oft rappelvoll, gerade zur Mittagszeit. Milchbars könnte man als kulinarischen Höhenpunkt, ja fast schon als Sehenswürdigkeit jeder Polen-Reise bezeichnen. Sie sind nicht nur über Danzig, sondern über ganz Polen verteilt. Naja, Höhepunkt ist vielleicht etwas übertrieben. Aber die Milchbars sind quasi Institutionen: Sie haben eine lange Tradition und wurden vor allem zu Zeiten des Kommunismus für die Verpflegung der Bevölkerung genutzt. Früher wurden vor allem Milchprodukte aufgetischt, deshalb der Name.
Manche Bars haben den alten Charme bewahrt, dann sitzen rüstige Frauen in ihren Fünfzigern an der Kassa der Selbstbedienungs-Restaurants und warten, bis der Tag vergeht. Andere sind modern und vor allem bei Studenten beliebt. Eines haben sie alle gemeinsam: Es gibt echte, authentische polnische Gerichte, die extrem günstig sind – vom Eisbein mit Kartoffelpüree bis zu den gefüllten Teigtaschen, den Piroggen.

Krasser Gegensatz: alte Kaufmannshäuser versus Plattenbauten

Nach der herzhaften polnischen Hausmannskost schadet ein bisschen Bewegung nicht. Wie praktisch, dass die Milchbar Neptun genau in Danzigs ältester und berühmtester Straße liegt: in der Langen Gasse. Beim Schlendern durch die Fußgängerzone verrenke ich den Kopf mal nach links, mal nach rechts. Ein Gebäude ist pittoresker als das andere – der gotische Baustil, die Farben, die hohen Fenster und die schweren Holztüren mit den klobigen Eisenköpfen. Wer früher wohl in den herrschaftlichen Häusern gewohnt hat? Im Artushof erhalte ich einen Einblick in die Welt der Kaufleute und Adeligen von damals. Die paar Euro Eintritt lohnen sich, denn man betritt hier eine Welt aus kunstvollen Holzvertäfelungen und Wandmalereien.

Ein krasser Gegensatz dazu, aber genauso sehenswert und noch ein Geheimtipp, sind die Wohnhäuser „Falowiec“ am Stadtrand: Die überdimensionalen Plattenbauten sind bis zu einem Kilometer lang und wurden vor einigen Jahrzehnten vor allem für die Hafenarbeiter gebaut. Sie gehören zu den längsten Gebäuden Europas, allein in einem einzigen Haus sollen mehrere tausend Menschen wohnen. Erreichbar sind sie per Straßenbahn Nummer2 und 8 vom Zentrum aus, Haltestelle Chłopska – Obrońców Wybrzeża.

Bernstein: Schmuck aus der Ostsee

Zurück in der Frauengasse, diesmal am helllichten Tag. Vor den Ateliers und Bernsteinläden stehen Schaukästen aus Glas, in denen Ketten und Armreifen ausgestellt sind. Kein Touristennepp, sondern lange Tradition und filigranes Handwerk in Danzig. „Oft bringen Einheimische kleine schwarze Stücke in den Laden. Wir schleifen sie dann, bis die goldene Farbe herauskommt, und fertigen Ringe oder andere Schmuckstücke daraus an“, erzählt eine Verkäuferin. Vielleicht habe auch ich Glück? Ich nehme den Bus ins nahe gelegene Kurstädtchen Sopot und halte bei einem langen Strandspaziergang Ausschau nach dem wertvollen getrockneten Harz …

Maria Kapeller

Maria Kapeller

Maria Kapeller, Jahrgang 1983, hat in Salzburg Kommunikationswissenschaft studiert und längere Auslandsaufenthalte in der Schweiz, London und Nordirland absolviert. Die letzte lange Reise dauerte fünf Monate und führte nach Asien, Australien und Neuseeland. Sie ist freie Texterin und (Reise)-Journalistin.