Stadt der schweren Melodien – Lissabon

Es gibt Menschen, die – obwohl man sie kaum bemerkt – einen ganzen Raum erfüllen können. Als ich an diesem sonnigen Frühlingstag in Lissabon ganz in der Nähe der Tejo-Bucht durch den Triumphbogen in die Rua Augusta spaziere, begegne ich so jemandem. Noch Sekunden vorher habe ich in den Ohren nichts als das Pfeifen des kräftigen Windes und den Gesang der Möwen, die sich am Flussufer tummeln. Dann plötzlich wird es (wind-)still, und ich höre sie.

Auf dem Boden sitzt eine junge Frau. Nennen wir sie Maria. Sie sitzt so weit in der Ecke, dass ich sie beinahe gar nicht bemerkt hätte. Doch sie hat etwas auf dem Schoß, das sie nicht präsenter erscheinen lassen könnte. Ihr Sprachrohr ist ein Akkordeon, es verleiht ihrer Unscheinbarkeit eine Stimme. Mit seiner Hilfe erfüllt Maria die gesamte Fußgängerzone. Ihre schweren Seemannsklänge schallen durch die alten Gemäuer der Häuserzeile, die die Einkaufsstraße Rua Augusta links und rechts flankieren. Und sie ziehen auch durch die gusseisernen Stäbe des Elevador de Santa Justa, einem Aufzug, der zum Preis eines Einzelfahrscheins (1,20 €) die Unter- mit der Oberstadt verbindet – ein selten beeindruckendes Erlebnis mitten in der Stadt. Von oben hat man einen fantastischen Blick über die Innenstadt sowie auf das am Horizont liegende Castelo de São Jorge, eine Festungsanlage, die bei Lissabons schwerem Erdbeben 1755 fast vollständig zerstört wurde. Besonderes Detail der Burg: Im Inneren gibt es die sogenannte Camera Obscura, ein Kamera- und Spiegelsystem, mit dem man einen detaillierten 360-Grad-Blick rund um die Stadt hat (Eintritt: 8,50 €).

Eine nostalgische Straßenbahn mit Taktgefühl

Marias Musik begleitet mich beinahe bis nach oben in die steilen, verwinkelten Gassen der Altstadt Alfama, wo sich der schiefe Altbau teilweise bedrohlich in Richtung Kopfsteinpflaster neigt. Doch hier oben spielen wieder ganz andere Melodien. Schon von weitem vernehme ich das dumpfe Klopfen, das durch seine Regelmäßigkeit einen Takt vorzugeben scheint. Es ist die Straßenbahnlinie 28, die über die alten ins Kopfsteinpflaster eingelassenen Schienen rattert. Eine tolle Erfindung: ursprünglich für die Einheimischen gebaut, heute per Zufall eine der beliebtesten Touristenattraktionen. Die 28 verbindet auf ihrer Fahrt nämlich zahlreiche Sehenswürdigkeiten miteinander – bei der Fahrt durch die Alfama zum Beispiel die Kathedrale Sé und den Miradouro de Santa Luzia, einen grandiosen Aussichtspunkt über die roten Dächer der Altstadt.

Wer nicht genau weiß, wo er aussteigen soll, hört wieder einfach auf seine Ohren: Wo klappert das Besteck so laut, dass der beliebte Bacalhau (Stockfisch) besonders gut zu schmecken scheint? Aus welchen Lokalen schallen die schweren Klagelieder, die aus dem portugiesischen Fado eine so berühmte Musikgattung gemacht haben und den Zuhörer in die melancholische Liebeswelt der Lisboetas entführt? Ja, es ist in Lissabon wirklich so einfach.

Sehnsucht nach einem schöneren Leben

Übrigens: Nicht nur zahlreiche Fado-Restaurants sondern sogar ein ganzes Museu do Fado gibt es in der Alfama (Eintritt 5 €). Dort lerne ich alles über den portugiesischen Musikstil, der wörtlich übersetzt schlicht Schicksal bedeutet und nur allzu gerne von unglücklicher Liebe und der Sehnsucht nach einem schöneren Leben erzählt. Und dabei möchte man sich beim Bummel durch die Altstadt fragen, wie das Leben denn noch schöner sein könnte, als an einem sonnigen, melodiereichen Frühlingstag in Lissabon.

Christoph Karrasch

Christoph Karrasch

Ist es möglich, bei der Karnevalskönigin von Panama zu landen? Sollte man bei -17 Grad in ein finnisches Eisloch springen? Warum werden in einigen Tokioter Restaurants Selbstmordkapseln serviert?Unsere Welt hält Fragen bereit, für die wir dringend Antworten benötigen. Und einer muss es ja in Angriff nehmen. Einer muss doch ausprobieren, wie halsbrecherisch es wirklich ist, sich mit einem Paragliding-Schirm in die Tiefe zu stürzen (bevor ihr es in eurem nächsten Urlaub selbst tut). Einer muss doch feststellen, wie schmerzhaft es ist, seine Zunge in das extrem salzige Tote Meer zu stecken (damit ihr es lieber nicht tut). Und einer muss sich doch mal in verdammt cooler Pose vor das Sydney Opera House setzen (damit... och, einfach so). Auch wenn mich keiner gefragt hat: Kein Ding, ich übernehme das!

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