Brüssel als Comicstrip

1929 entspringt er der Feder von Hergé, erobert die Herzen der belgischen Jugend im Sturm und ist heute vermutlich der bekannteste Reporter der Welt: Tintin. Den sommersprossigen Rotschopf kennen wir als Tim, die bessere Hälfte von Tim und Struppi. Einer von vielen Comic-Helden, die Brüssels Häuserfassaden bevölkern und sie einen Tick bunter machen.

Idole der Kindheit

Es sind Kindheitserinnerungen im XL-Format, die auf meinem Spaziergang durch Belgiens Hauptstadt aufleben. Im Quartier Saint-Géry mit seinen schönen, pastellfarbenen Häusern, den kleinen Boutiquen und den eleganten Jahrhundertwende-Cafés entdecke ich in den Engel von Yslaire. Melancholisch hockt er hoch oben, halb versteckt an der Wand. Kein Comic, aber ungemein poetisch. Wenige Häuserecken weiter eine Szene mit Nero, dem knollennasigen, tragisch-komischen Helden von Marc Sleen, dem hier in Brüssel übrigens ein ganzes Museum gewidmet ist. Asterix und Obelix schlagen sich in der Rue de la Buanderie mit den Römern, Lucky Luke lässt seinen Colt rauchen und setzt die Dalton Brüder fest, Billy the Cat tigert über das Pflaster der Rue d’Ophem. Nur zweidimensional und trotzdem springlebendig.

Süße Sünden

Ich lasse mich hinüber in die Altstadt treiben, wo die Gassen schmaler und winkeliger werden, die Gebäude älter und prächtiger. Hier reihen sich die Namen bekannter und aufstrebender Chocolatiers aneinander.

Schon im Aux Merveilleux de Fred in der Grasmarkt Straat kann ich nicht widerstehen: Die Auslage quillt über vor purer Sünde aus Baiser, Sahne und Karamell. Gaumenkitzler und Augenschmaus. Auch das kleine Ladenlokal mit Kronleuchter und Gedichten an der Wand ist eine Perle.

Bier liebt Himbeere

Während ich ein luftiges Etwas auf der Zunge zergehen lasse, stoße ich ganz unvermittelt auf ein Werk des belgischen Künstlers ROA: feiste Schweine, adrett aufeinander gestapelt, schlafen friedlich an der Wand. Am Ende der Straße hat ein Fleischer sein Geschäft. Typisch ROA.

Hier, im Viertel um den Kolenmarkt wandelt sich das Straßenbild erneut. Es gibt Läden für Vintage-Mode, Schallplatten und Interieur, hippe Cafés und schummerige Kneipen, die mit Bier-Verkostungen werben. Ich habe Lust, eine der unzähligen belgischen Sorten zu probieren. Die Wahl fällt trotz Vielfalt nicht schwer: Fruchtig soll es sein. St. Louis Framboise, ein Himbeerbier, ist nach meinem Geschmack. Eine bittersüße Mischung, die in poppigem Pink in meinem Glas schwappt.

Während ich nippe, sieht Comic-Agent Victor Sackville von der gegenüberliegenden Wand prüfend auf mich herab. Ganz so, als erwarte er mein Urteil über das ungewöhnliche Bier.

Helden der Stadt

Nach weiteren Straßen und Sträßchen, in denen Young Albert und Inspector Bourdan auf Publikum warten, einem Abstecher in das elegante Viertel rund um die Place du Grand Sablon und einem Schwenker zum Kunstberg, will ich nun endlich meinen Helden Tintin treffen.

Dazu muss ich zurück in die Altstadt, vorbei an Manneken Pis, dem pinkelnden Knaben. Wer das Wahrzeichen von Brüssel zum ersten Mal sieht, ist oft enttäuscht, denn es misst kaum mehr als einen halben Meter. Mangelnde Statur macht Manneken Pis durch umfangreiche Garderobe wett. An die 900 Kostüme soll der Zwerg inzwischen besitzen. Einen Teil davon zeigt das Stadtmuseum.

Nur eine Straßenecke weiter eilt mir der Rotschopf entgegen: Tim, Struppi und ihr bärtiger Freund Kapitän Haddock stürzen die Feuerleiter herab und hinein in den Fall Bienlein. Es ist die jüngste der Brüsseler Comic-Wände. Die letzte bleibt es hoffentlich nicht. Wer übrigens mehr über die Entstehungsgeschichte von Tim und Struppi und ihren talentierten Schöpfer Hergé wissen möchte, macht einen Abstecher ins auch architektonisch interessante Musée Hergé im nahen Louvain-la-Neuve.

Mein Blick fällt auf die Auslage der traditionsreichen Maison Dandoy vis-à-vis: Knuspriger Spekulatius wartet auf Käufer. Außerdem werden hier die besten Waffeln der Stadt gebacken. Ein letztes Mal lasse ich mich verführen.

Jutta Ingala

Jutta Ingala

Jutta M. Ingala, verheiratet, Mutter eines Teenagers, ist fest im Münsterland verwurzelt. Sie schreibt in ihrem persönlichen Blog 6 Grad Ost über große und kleine Reisen. Es geht um Orte, Menschen und Begegnungen, um Natur und Stadtgeflüster. Sie erzählt Geschichten, die mit einer Momentaufnahme beginnen: einem Museumsbesuch, einem Flirt in einem Café oder einem Buch, das sie inspiriert. Jutta sieht in jedem Ort das Besondere, liebt Details. Sie sind die Essenz der Dinge. Reisen bedeutet Menschen treffen und ein Gespräch beginnen. Darum mag sie fremde Sprachen. Literatur, Kunst und Geschichte, Design und Architektur interessieren sie genauso wie Hiking and Cycling, wie fremde Küche, Handwerk und Tradition. Beliebigkeit und Kitsch mag sie nicht.

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